Seit Jahren hat es keine solche Ballung von Mutationen in den Verwaltungsräten der Schweizer Finanzindustrie mehr gegeben. Im Zuge der Neubesetzung der Präsidien bei der Credit Suisse und der Swiss Re macht nun auch Urs Rohner seinen bislang wichtigsten Karriereschritt: Der Chefjurist und Chief Operating Officer (COO) der Credit Suisse soll an der kommenden Generalversammlung in den Verwaltungsrat der Grossbank gewählt werden – als vollamtlicher Vizepräsident. In enger Zusammenarbeit mit dem neuen Präsidenten, Hans-Ulrich Doerig, muss der 49-Jährige den durch die Finanzkrise gebeutelten Bankenkoloss strategisch stabilisieren. Damit verwirklichen sich jene personellen Dispositionen, die der scheidende Präsident Walter Kielholz schon vor langem vorgespurt hat. Kielholz, der fortan als Präsident der Swiss Re wirken wird, hat Rohner 2004 nach dessen Abgang als CEO der deutschen Mediengruppe ProSiebenSat.1 persönlich zur CS geholt. Schon damals soll ihm ein solcher Karriereschritt in Aussicht gestellt worden sein. Beobachter vermuten, das Vizepräsidium sei nur die erste Etappe auf dem Weg an die Bankenspitze. Schliesslich ist Doerig 68 Jahre alt und hat in seiner Karriere wiederholt als Lückenbüsser den Sessel für den kommenden starken Mann warmgehalten.

DIE MACHT IN DER BANK
Schon Ende 2006 vermuteten Insider, Rohner würde bei der Credit Suisse, wo er seit 2004 als Chef des Corporate Center und Chefjurist wirkte, zum Karrieresprung ansetzen. Damals wurde die Ablösung von CEO Oswald Grübel eingeleitet. Rohner galt als Ziehsohn des mächtigen Präsidenten Walter Kielholz. Doch nicht er, sondern der Amerikaner Brady Dougan machte das Rennen – Kielholz sparte sich Rohner für eine spätere Rolle im Verwaltungsrat auf. Zu Dougan hat Rohner ein gutes Verhältnis, doch mit der neuen Rolle müssen sich beide noch abfinden: Rohner, der bisher an Dougan rapportierte, ist ihm fortan als VR übergeordnet.

Eng zusammengearbeitet hat Rohner mit Leonhard Fischer, bis 2006 Chef der Winterthur-Versicherungen. Die beiden zogen den Verkauf der «Winterthur» an die französische Axa durch. Häufig sucht er den Austausch mit Walter Berchtold, Private-Banking-Chef, wie er ­einer der jüngeren Schweizer an der CS-Spitze. Im VR pflegte Rohner zu den Chefs der einzelnen Ausschüsse enge Kontakte. Wichtiger Ansprechpartner war vor allem das Auditkomitee unter Ex-PricewaterhouseCoopers-Mann Peter Weibel.

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DIE MEDIEN-CONNECTION
Es war eine Überraschung, als Rohner im Herbst 1999 zum Chef der deutschen Mediengruppe ProSieben Media berufen wurde. Denn er war bislang nur als Anwalt tätig und besass keinerlei Erfahrung in Betriebsführung. Doch er hatte als Berater Grossaktionär Leo Kirch überzeugt. Forsch packte er die Aufgabe an, führte ProSieben in die neue Firmengruppe ProSiebenSat.1 über, wechselte die Führung einzelner Sender aus, legte Nachrichtenredaktionen zusammen und fuhr nach 2001 einen drastischen Sparkurs. Die Sanierung ging nicht ohne Konflikte vonstatten, und Rohner wurde in den Medien wiederholt angegriffen. Ende 2003 holte er den Schweizer Radio- und Fernsehpionier ­Roger Schawinski an die Spitze von Sat.1. Die Begeisterung für das Fernsehbusiness hat ­Rohner auch nach seinem Ausstieg 2004 nicht verloren – selbst heute als Banker lässt er sich noch jeden Morgen die jüngsten Einschaltquoten der TV-Sendungen liefern.

SEIN WIRSCHAFTSNETZ
Seit Jahren eng befreundet ist Rohner mit Kaspar Loeb, CEO der Werbeagentur Saatchi & Saatchi in der Schweiz. Sie kennen sich über gemeinsame Bekannte aus der Nähe von Zürich, wo Rohner aufgewachsen ist. Ein persönlicher Freund aus Bankenkreisen ist Martin Bisang, Chef der Bank-am-Bellevue-Gruppe. Im Verwaltungsrat der Airline Swiss, wo er von 2001 bis Anfang 2004 Einsitz hatte, hat er eng und gut zusammengearbeitet mit Jacques Aigrain, dem jüngst abgetretenen CEO der Swiss Re, sowie Michael Pieper, Besitzer der Küchenbaufirma Franke. Aus gemeinsamen Zeiten bei der Anwaltskanzlei Lenz & Staehelin kennt er Andreas von Planta, Verwaltungsrat bei Novartis und Holcim. Mit Ex-UBS-Chef Peter Wuffli ist er im Verwaltungsrat des Zürcher Opernhauses. Dort trifft er auch auf Opernhausintendant Alexander Pereira.

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DIE ANWALTSFREUNDE
Nach dem Studium der Rechte an der Universität Zürich machte Rohner eine Blitzkarriere als Anwalt. Als 32-Jähriger war er bereits Partner in der renommierten Zürcher Wirtschaftskanzlei Lenz & Staehelin. Davor konnte er Erfahrung im Business mit Mergers and Acquisitions (M&A) bei Sullivan & Cromwell in New York sammeln. In der Schweiz machte sich Rohner einen Namen als M&A-Spezialist. Noch heute pflegt er enge Kontakte zu den damaligen Kollegen, etwa zu Rudolf Tschäni, wie er ein M&A-Profi. Juristischer Mentor war der inzwischen 77-jährige Peter Hafter, der in den neunziger Jahren BZ-Banker und UBS-Angreifer Martin Ebner verteidigte.

DER HÜRDENLÄUFER
Rohner ist in eher einfachen Verhältnissen in Zollikerberg über dem Zürichsee aufgewachsen. Das Studium zog er im Eiltempo durch und machte daneben im Sport Furore. So wurde er in den Jahren 1981 und 1982 zweifacher Schweizer Meister im 110-Meter-Hürdenlauf. Aus seiner langjährigen Ehe hat er drei Kinder, mit seiner neuen Partnerin Nadja Schildknecht, Geschäftsleitungsmitlied des Zurich Film Festival, seit 2008 ein viertes. Rohner gilt als Filmfreak und sammelt Drehbücher von Kinoklassikern. Sportlich hat er seine Ambitionen gezügelt: Heute joggt er und fährt Ski.

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