Der deutsche Topbanker Martin Blessing verstärkt die Konzernleitung der UBS und wird Präsident des Bereichs Personal & Corporate Banking. Blessing folgt damit ab September auf Lukas Gähwiler, der das Geschäft sechs Jahre lang führte – auf dessen eigenen Wunsch, wie es in der Mitteilung der Bank heisst. Der Schweizer übernimmt die neu geschaffene Funktion des Chairman der Region Schweiz.

Wer aber ist Martin Blessing, dem CEO Sergio Ermotti zutraut, die grösste Schweizer Bank in eine erfolgreiche Zukunft zu führen? Fakt ist: In Deutschland ist er einer der umstrittensten Vertreter seiner Zunft. Erst Ende April trat der 52-Jährige von seinem Posten als Chef der Commerzbank zurück, der er seit der Finanzkrise im Jahr 2008 vorstand. Sein Dienststart stand unter einem schlechten Stern: Keine vier Monate war er im Amt, da brach die Investmentbank Lehman Brothers zusammen, das globale Finanzsystem stand kurz vor dem Kollaps.

«Kapitalerhöhungsorgien römischen Ausmasses»

Nach der Übernahme der Dresdner Bank für fast 10 Milliarden Euro, ebenfalls im Sommer 2008, wurden die Risiken zu gross für die Commerzbank und sie gerät in Schieflage. Das zweitgrösste deutsche Geldhaus musste schliesslich verstaatlicht werden: Über den Bankenrettungsfonds Soffin beteiligte sich Berlin mit insgesamt 18 Milliarden Euro an der Bank und wurde zum grössten Aktionär. Josef Ackermann verleitete die Malaise des Rivalen seinerzeit zu einem Seitenhieb, mit dem er die Bundesregierung um Kanzlerin Angela Merkel gegen sich aufbrachte. «Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden», sagte der damalige Deutsche-Bank-Chef süffisant in einem Interview.

Bis heute leidet die Commerzbank an den Spätfolgen der Krise. Diverse Kapitalerhöhungen verwässerten den Börsenkurs der Aktie. Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz sprach von «Kapitalerhöhungsorgien römischen Ausmasses». Erst in diesem Jahr zahlte die Commerzbank zum ersten Mal seit 2007 wieder eine kleine Dividende an ihre Aktionäre. Die ausgeschütteten 20 Cent pro Aktie seien jedoch eher symbolisch, monieren Kritiker.

Blessing konkurriert alten Arbeitgeber

Blessings Befürworter betonen die Standhaftigkeit des Bankers. Jahrelang wurde er aufs Schärfste kritisiert – und führte die Bank dann doch wieder ins Plus: 2015 stieg der Nettogewinn auf rund 1 Milliarde Euro und übertraf somit die eigenen Erwartungen, als auch die der Analysten. Im schwierigen ersten Quartal 2016 gab es eine Plus von 163 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Die Credit Suisse vermeldete gestern ein Minus von 300 Millionen Franken für die ersten drei Monate. Auch den Stresstest der Europäischen Zentralbank überstand die Commerzbank.

Blessings Expertise dürfte ihm nun zupass kommen. Die Wurzeln der Commerzbank liegen im Geschäft mit Firmenkunden. Der Fokus liegt auf der Exportfinanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland. Kurioserweise konkurriert Blessing bei der UBS künftig seinen ehemaligen Arbeitgeber: Seit einiger Zeit schickt sich die Commerzbank an, in der Schweiz Fuss zufassen.

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 Kritik: «Man braucht nicht im Ausland zu rekrutieren»

Blessing selbst machte vor zwei Jahren grosse Chancen im Firmenkundengeschäft für seine Bank aus. «In der Schweiz wollen wir mit unseren sechs Standorten gezielt in eine Lücke stossen. Denn die beiden Grossbanken dort kümmern sich um die Grosskonzerne, während die Kantonalbanken die KMU betreuen», sagte er als Commerzbank-Chef im Juni 2014 in einem Interview mit der «NZZ».

Einmal mehr wird mit Blessing nun ein Spitzenposten im Schweizer Banking von einem Ausländer besetzt. Bereits bei der Ernennung von Tidjane Thiam im vergangenen Jahr wurde Kritik laut. Der Politiker und Unternehmer Thomas Minder reagierte prompt auf eine Anfrage von handelszeitung.ch: «Es hat sehr viele gut ausgebildete und fähige Schweizerinnen und Schweizer, welche solche Top-Stellen besetzen können. Man braucht nicht im Ausland zu rekrutieren.»

Ehepaar Blessing lernte sich an der HSG kennen

Immerhin: Blessing selbst dürfte mit der Schweiz vor allem Positives verbinden. Auch kennt er das Land: Als Student an der HSG lernte er seine heutige Frau in St. Gallen kennen. Mit ihr hat er drei Kinder. Auch Dorothee Blessing ist hierzulande keine Unbekannte: Für JP Morgan leitet sie das Investmentbanking-Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Sehen Sie in der Bildergalerie das «Who is who» der Schweizer Finanzwelt: