Kuno war in unserer Abteilung keine gros­se Nummer, Sachbearbeiter im Innendienst. In der Kantine sass er, entsprechend seinem nicht sehr schillernden Sozialprestige, jeweils am Rande des Tisches.

Zwei-, dreimal im Jahr änderte sich das, nämlich dann, wenn es in der Abteilung ­einen runden Geburtstag, eine Beförderung oder einen ­Umsatzrekord zu begiessen gab. Meist feierten wir in der Bar um die Ecke. Dort stand ein Klavier. Im Verlauf des Abends haute Kuno dann jeweils in die Tasten. Er spielte Boogie-Woogie.

Kuno war echt gut. Unser Chef stand daneben und schnippte ausgelassen mit den Fingern. Selbst unsere zwei Karrierefrauen, die zur erweiterten Geschäftsleitung gehörten, wackelten mit den Hüften. Kuno war der Stern des Abends.

Ob Vögel oder Schimpansen – in der Tierwelt wird musiziert

In der Biologie ist Musik ein übergreifendes Thema. Praktisch alle Tiergattungen musizieren, Insekten genauso wie Fische, Reptilien, Vögel und Säugetiere bis hin zum Homo sapiens.

Bei den Vögeln ist der Fall klar. Sie sind die musikalischste Gattung neben Mozart und Michael Jackson. In Asien habe ich ein paar Mal bei den dortigen Singvogel-Wettbewerben zu­geschaut, bei denen Hunderte von Vögeln vor ­einem Kampfgericht gegeneinander antreten und dabei von ihren mitgereisten Fanclubs fre­netisch angefeuert werden. Am Schluss qua­li­fizieren sich die Besten für die Weltmeisterschaft. Zuletzt war der Champion eine Nachtigall aus Taiwan.

Grosse Musiker sind auch die Bartenwale, die besten Sänger unter Wasser. Sie produzieren einen Gesang mit Melodie und Rhythmus, bei dem sich verschiedene Strophen unterscheiden lassen.

Anzeige

Die besten Trommler unter den Tieren sind die Schimpansen, die tote Baumstrünke als Schlagzeug ver­wenden. Die talentiertesten Violinisten sind die männlichen ­Grillen, die ihre beiden Flügel aneinanderreiben und den Ton durch ihren Resonanzkörper verstärken.

Je besser der (Tier-)Musiker, desto höher das Sozialprestige

Es ist zu kurz gegriffen, wenn man diese Musikalität nur auf Fortpflanzungsrituale verkürzt. Musik ist auch bei Tieren eine Form der Kommunikation, also von Unterhaltung und Entertainment. Natürlich aber haben die besten Tiermusiker in ihrem Umfeld ein höheres Sozialprestige und kommen damit auch leichter an die Weibchen heran. Nur, das ist in unserer Spezies nicht anders: Mick Jagger oder Tom Jones könnten zu diesem Thema sicher ein paar Stories aus ihrem Leben beisteuern.

Musikalität hebt das Sozialprestige, macht ­attraktiv und ist dadurch ein Erfolgshebel. Wenn Top-Manager in den beliebten Fragebögen von Businessmagazinen jeweils nach ihren unerfüllten Wünschen befragt werden, dann ist die vermutlich häufigste Antwort diese: «Ich möchte Klavier spielen können.»

Gute Pianisten in Wirtschaft und Politik

Nun, viele erfolgreiche Figuren in Politik und Wirtschaft bestätigen diese These. Bundesprä­sidentin Simonetta Sommaruga etwa ist ausge­bildete Konzertpianistin. Gute Pianisten sind auch ihre früheren Kollegen Hans-Rudolf Merz, der auf Mozart steht, und Micheline Calmy-Rey, die es eher mit Bach hält.

In der Wirtschaft sind es vor allem Banker, die in die Tasten greifen. Joe Ackermann, Ex-Chef der Deutschen Bank, kann mit seinen Fingern nicht nur das Victory-Zeichen, sondern ist auch ein fast professionelles Klaviertalent im klassischen Bereich.

Auch zwei frühere Credit-Suisse-Chefs sind stark am Piano. Lukas Mühlemann schaffte es ebenfalls bis zur Konzertreife und arbeitete zeitweilig gar als Kapellmeister. Der legendäre Rainer E. Gut hält es hingegen eher wie unser Freund Kuno aus unserem Unternehmen: Gut ist der beste Boogie-Woogie-­Pianist der Bankenszene.

Anzeige