Während Kunst aus China immer neue Preisrekorde erzielt, jene aus Afrika auf eine etablierte Samm­lergemeinde zählen kann und Indien mit einer bedeutenden zeit­genössischen Szene beeindruckt, scheint Kunst aus Australien in unseren Breitengraden noch nicht so richtig angekommen zu sein. Dabei zählt die Kunst der Abori­gines zu den ältesten kontinuierlichen Kunsttraditionen der Welt. Sie gehört zu den Hauptritualen australischer Kultur und wurde und wird genutzt, um Territo­rien zu markieren, Geschichte aufzuzeichnen und Erzählungen zu übermitteln. Doch erst in den 1940er-Jahren wurden Aborigine-Kunstwerke erstmals ausserhalb von Australien ausgestellt.

Das 2008 eröffnete Mu­seum La grange des Château d’Iver­nois in Môtiers (Neuenburg) ist eines von zwei Museen in Europa, die sich der ­Kultur und Kunst der australischen Ureinwohner widmen. Mit der Ausstellung «Waii, Stiche von Dennis Nona» zeigt es bis zum 28. Oktober 2012 erstmals in der Schweiz über 50 Stiche des zeitgenössischen australischen Künstlers. Es sind Werke voller Magie, die von den Legenden seiner Ahnen inspiriert sind und die den Besucher in eine Traumwelt der Mythen und Legenden zwischen Himmel, Erde und Meer entführen. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Galerie Arts d’Australie in Paris, The Australian Art Print Network in Sydney und dem Bundesstaat Queensland.

Dennis Nonas meisterhaft ausgeführte Radierungen und Linolschnitte verbinden Tradition mit der Interpretation der Gegenwart. Sie erzählen die Geschichte seiner Ahnen – eines Volkes zwischen zwei Welten, der melanesischen und der Kultur der Aborigines – mit ihren Legenden, ihrer Pflanzen-, Tier- und Gesteinswelt. Geboren 1973 auf der Insel Badu in der Torres-Strasse (Queensland), erlernte Dennis Nona zunächst den Beruf des Holzschnitzers, bevor er sich auf Druckgrafik spezialisierte. Er wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Viele seiner Werke finden sich in Museumssammlungen und Gale­rien von Weltruf – etwa im British Museum sowie im Victoria & Albert Museum in London, im Machida City Museum of Graphic Art in Tokio oder im Museum of Fine Arts in Boston.

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Nonas Talent in der Radierung ist aus­sergewöhnlich. Er arbeitet mit äusserst feinem Linolschnitt, einer Technik, die für seine Herkunft von den Inseln typisch ist. Der Linolschnitt erfordert eine absolute Beherrschung der Gravierwerkzeuge und der Komposition, denn nachträgliche Korrekturen sind nicht möglich. Der Künstler nimmt in seinen Werken die traditionelle Erzählform der Inselbevölkerung auf. ­Seine Zeichnungen lehnen sich an die ­traditionelle Schnitzkunst von Masken an und erzählen alte Legenden aus der Torres-Strasse und dem benachbarten Papua-Neuguinea. Durch den Einsatz vieler ­gestalterischer Elemente und Symbole hebt er sowohl traditionelle Themen als auch Ereignisse aus der Gegenwart hervor.

Die Werke von Dennis Nona überraschen durch ihre aus­serordentliche Vielschichtigkeit und nicht selten auch durch ihre Grösse. In Europa wird der Künstler durch die Galerie Arts d’Australie in Paris vertreten. Angeboten werden seine Werke auch in Aboriginal Art Auctions, etwa bei Bonhams oder bei australischen Auktionshäusern wie Deutscher and Hackett, Leonard Joel und Shapiro Auctioneers. Nonas ­Arbeiten sind als Editionen auch für Ein­steiger erschwinglich: Ihre Preise reichen von einigen hundert bis einige tausend Dollar.

Museum La grange, Château d’Ivernois, Môtiers (Neuenburg); bis 28. Oktober 2012; ­fonda­tion-bf@actalis.ch; Galerie Arts d’Australie, Paris; www.artsdaustralie.com