Im Autogeschäft nimmt eine nie dagewesene Partnerschaft zwischen Konkurrenten, Behörden und Firmen aus ganz verschie­denen Branchen Gestalt an. Die Autohändler Emil Frey und Amag sind an Bord, die Axa-­Versicherung und Post­finance machen mit, auch das Bundesamt für Strassen (Astra) und erste kantonale Strassenverkehrs­ämter.

Was sie zusammenbringt, ist ein gemeinsamer Wunsch: Sie wollen eine Plattform erschaffen, welche mehr Transparenz und damit mehr Vertrauen in das automobile Ökosystem bringt – und so ­natürlich auch neue ­Geschäftsfelder er­öffnet.

Daten von 11 Millionen Fahrzeugen

Cardossier heisst die Initiative. Vorletzte Woche hat die Plattform offiziell ­ihren Dienst aufgenommen, als 11 Millionen Fahrzeugdaten von Schweizer Autos und Motorfahrrädern hochgeladen wurden. «Ab sofort gibt es erste Anwendungen», sagt Cardossier-Chefin Franziska Fügli­staler. Zunächst für einige wenige Firmen, die bei der Entwicklung der Plattform ­dabei sind, später dann auch für die Konsumentinnen und Konsumenten via eine App.

Die Methode von Cardossier lässt sich auf ein Mantra reduzieren: alles verein­fachen, standardisieren und digitalisieren, was im Zusammenhang mit Fahrzeugen an Daten anfällt. Das beginnt mit der Stammnummer, geht über den Kilometerstand bis hin zum Halterwechsel.

Klingt zwar trocken, führt aber am Ende zu ganz neuen Geschäftsmodellen und einem neuen Kauferlebnis für die Kundschaft. «Das Schwierigste und Spannendste im letzten Jahr war, all die verschiedenen Perspektiven auf die gemeinsame Sache miteinander in Einklang zu bringen», sagt Füglistaler.

Autos digital neu geboren

Letztlich soll unter anderem der Autokauf deutlich einfacher werden: Ein Kunde schlendert über das Gelände eines Occa­sionsautoverkäufers und erblickt ein passendes Objekt. Er zückt sein Handy, startet die App und erhält alle Daten zu diesem Fahrzeug inklusive zertifizierter Angaben über Fahrzeugprüfung und allfällige Un­fälle. Es braucht dann bloss ein Antippen auf dem Handy, um das Auto zu kaufen.

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Im Hintergrund läuft der Bezahlprozess, und die nötige Haftpflichtversicherung ist per Klick ebenfalls abschliessbar. Selbst der Gang zum Strassenverkehrsamt entfällt, da die Behörde in den Datenfluss integriert ist und den Halterwechsel sofort quittieren kann. Kurz: Der stolze Besitzer des Autos soll Minuten nach dem Kauf davonfahren können.

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Bei Cardossier dabei sind unter anderem die Axa-Versicherung und das Bundesamt für Strassen (Astra). Sie wollen mehr Transparenz und Vertrauen beim Autokauf.

Quelle: Cardossier

«Es geht erstaunlich rasch vorwärts», sagt Füglistaler. «Wir werden unsere Vision nicht erst in zehn Jahren umgesetzt sehen.» Das einzige ungelöste Problem ist derzeit noch das physische Nummernschild. Aber auch dafür gibt es Ansätze.

Losgelegt hat Cardossier nun erst einmal mit den Grunddaten der Autos. Diese liefert die Datenveredlerin Auto-i-dat, die als Marktführerin Informationen über alle Fahrzeuge der letzten dreissig Jahre in der Schweiz besitzt. Diese elf Millionen Datensätze – im Jargon der «Basis-Record» genannt – sind nun live, können abgefragt und mit anderen Anwendungen verknüpft werden. Anders gesagt: Jedes Auto in der Schweiz ist digital sozusagen neu geboren worden.

Auch Zolldaten sollen bald kommen

Das Nächste, was live gehen wird, sind die Daten der Axa. Die erste kleine Anwendung betrifft den ganzen Papierkram rund um die Immatrikulation. Die Strassenverkehrsämter kämpfen heute beispielsweise damit, dass 20 Prozent der Versicherungsnachweise Fehler aufweisen. Dieses Pro­b­lem wird wegfallen, wenn die Ausweise ­digital mit den Fahrzeugen verknüpft sind. Schon bald sollen Zolldaten zu Import und Export dazukommen.

Der Clou der ganzen Sache: Cardossier schafft einen De-facto-Standard. Im Zentrum des Prozesses steht das eigentliche ­digitale Autodossier, an das Ereignisse wie Fahrzeugprüfung, Versicherung oder Reparatur digital angehängt werden können, bis eine vollständige Lebensgeschichte des Fahrzeugs entsteht. Natürlich sind nicht alle Angaben für alle einsehbar. Das würden weder Versicherer noch Autobesitzer wollen.

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Auf einem Dashboard auf Cardossier soll man die Fahrzeuge erfassen können.

Quelle: Cardossier
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Es gibt auch keine zentrale Datenbank, auf der alles ­gespeichert wäre. Stattdessen verwalten alle Akteure ihre Daten selber – also die Versicherung ihre Policen, das Strassenverkehrsamt seine Zulassungen. Sie bestimmen, wer darauf Zugriff hat. Die Plattform koordiniert im Hintergrund ­eigentlich nur den Informationsfluss und die ­Abwicklung der finanziellen Entschä­digungen und stellt sicher, dass die Transaktionen korrekt ablaufen.

Nur keine zentrale Datenbank

«Die dezentrale Struktur ist ent­scheidend», so Füglistaler. «Keine Partei hätte mitgemacht bei einer zentralen ­Datenbank.» Aus Wettbewerbsgründen und weil Vertrauen nicht vorausgesetzt werden kann. Alle wollen ihre Daten und damit auch deren Wert selber kontrol­lieren. Cardossier setzt deshalb auf die Transaktionstechnologie Corda, die ein solch dezentrales Verwalten ermöglicht. Corda wird vom Bankenkon­sortium R3 entwickelt, um eine neue ­Finanzarchitektur als Alternative zum bestehenden Settlementsystem aufzu­bauen. Auch die Schweizer Grossbanken sind bei R3 dabei.

So entstehe ein Ökosystem, das mit ­jedem neuen Akteur und jeder neuen Dienstleistung an Wert gewinne, sagt Füglistaler. Reduzierte Kosten, ein Markt für Daten und neue Geschäftsmodelle: Das sind denn auch die Treiber dafür, dass so viele verschiedene Akteure bei Cardossier mitmachen wollen. Der Garagist spart Geld für den Gang zum Strassenverkehrsamt, der Datenveredler kann nun seine Autodossiers einzeln und damit zielgerichtet monetarisieren und der Versicherer auch gleich noch eine Vollkasko anbieten. Jetzt muss nur noch eine Lösung für das Problem mit dem Nummernschild her.

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Wer steckt hinter Cardossier?

Cardossier ist als Verein mit zwei Angestellten aufgestellt. Diese koordinieren die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern, welche den Verein mit jährlichen Beiträgen zwischen 4000 und 30'000 Franken finanzieren. Hinzu kommt eine grössere Einmalzahlung beim Beitritt. Wer mehr bezahlt, hat mehr Rechte zum Nutzen der Plattform oder beim Erstellen von sogenannten Distributed Apps.

Die Mitgliederliste umfasst Amag, Emil Frey, Multilease, Axa, Mobiliar, Postfinance, Auto-i-dat, Audatex/Solera, die Strassenverkehrsämter des Kantons Aargau und des Fürstentums Liechtenstein, das Bundesamt für Strassen, Auto-Schweiz, den Schweizer Leasingverband, Autoscout 24, TCS und Mobility, Adnovum sowie die Hochschulen Zürich und Luzern.

Die Software wird vom Zürcher Unternehmen Adnovum entwickelt. Ernsthafte internationale Konkurrenz für die Datenplattform mit einer vergleichbaren Reichweite gibt es kaum. Auch die Organisationsform als Public-Private-Partnership-Plattform und digitale Allmend ist einzigartig.