BILANZ: Herr Palmer, Ihr Vorgänger Ulrich Bez sagte mal, James Bond werde niemals einen Aston Martin mit Elektromotor fahren. Jetzt ­wollen Sie bis 2018 ein E-Modell bauen. Warum?
Andy Palmer*: Als ich vor fünf oder sechs Jahren das erste Mal mit Elektroautos zu tun hatte, war ich bei Nissan. Damals hielten viele führende Köpfe der ­Autoindustrie Elektroautos für undenkbar. Viele haben die Zukunft falsch eingeschätzt – da möchte ich mich gar nicht ausnehmen. Trotzdem halten sich alle Autohersteller an die CO2-Vorschriften in Europa, den USA oder China. Also musste ich für uns eine Entscheidung treffen.

Eine Entscheidung im Hinblick worauf?
Sollte ich den Zwölfzylinder in unseren künftigen ­Modellen nicht mehr einsetzen – zugunsten eines kleineren Motors, wie es der Rest der Branche macht? Ich sage Ihnen jetzt etwas, das ich in zehn Jahren vielleicht bereuen werde: Ich kann mir keinen James Bond vorstellen, der ein Auto mit Reihenvierzylinder fährt.

Wofür haben Sie sich stattdessen entschieden?
Ich entschied mich, einen radikal anderen Weg zu gehen, indem ich den Aston Martin mit einem Elek­tromotor ausstatten werde. Um es mit Ulrich Bez zu sagen: Es geht bei einer Automarke um Kraft, Schönheit und Seele. Das ist eine sehr starke Beschreibung einer Marke. Kraft und Seele passen perfekt zu einem Elektromotor, wenn er es schafft, einem die Nackenhaare beim Fahren aufzurichten.

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BMW baut mit dem i8 bereits einen ­Elektrosportler. Wen sehen Sie als grösseren Konkurrenten: BMW oder Tesla?
Wir konkurrieren nicht mit BMW, Porsche oder Tesla – wir bauen in Handarbeit hergestellte Autos. Hinsichtlich der Technologie glaube ich, dass sowohl die Tesla-Modelle wie auch der i8 von BMW exzellente Vertreter einer Technologie sind, für die auch wir uns sehr interessieren. Für uns ist der i8 sogar interessanter, denn er verwendet sehr viel Kohle­faser, die auch wir gerne nutzen.

Für Ihr Elektroauto sind Sie ein Joint Venture mit dem chinesischen Konzern LeEco eingegangen – warum ein chinesischer Partner?
Wir schauen zu häufig auf das Silicon Valley, auf Google oder Apple, statt uns in der ganzen Welt umzusehen. Gerade China hat einen Markt von 1,3 Milliarden Konsumenten, und LeEco hat ein Potenzial, das so gross ist wie das von Netflix, Apple und Google zusammengenommen. Keiner ist hinter ihnen her, aber sie haben enormes Potenzial. Ich weiss, wovon ich spreche, ich habe 13 Jahre meiner Karriere in Japan und Hongkong verbracht.

Sie haben sich also in China schon ein grosses Netzwerk aufgebaut …
Genau.

… und sind nun der Ansicht, die Chinesen seien schon weiter mit der Technologie für ­Elektroautos als Europa oder Amerika?
Exakt – aus zwei Gründen: Einer ist der Binnenmarkt, wo es eine grosse Nachfrage nach Elektro­autos gibt. Und der zweite ist der Ehrgeiz dieser noch unbekannten chinesischen Firma, sich weltweit zu beweisen, Erfolge einzufahren. Zählt man beides ­zusammen, hat man einen idealen Partner.

Hätte sich Aston Martin nicht schon früher mit dem Elektroantrieb befassen müssen?
Wenn man sich die Branche anschaut, werden die meisten Elektroautos in Serie erst gegen 2017 bis 2020 auf den Markt kommen. Das Modell von Porsche zum Beispiel 2018. Hätten wir jetzt schon ein fertiges E-Auto präsentiert, wären wir eine Art Pioniere, es wäre aber riskant gewesen. Ich denke, wir sind nicht zu spät dran, eher im Mittelfeld.

Auch das autonom fahrende Auto ist ein grosses Thema. Wie steht es damit bei Aston Martin?
In dieser Branche gilt: Sag niemals nie. Ich erwarte nicht von Aston Martin, im Bereich autonom fahrender Autos eine führende Rolle einzunehmen. Aber man kann sich neuen Technologien wie dieser auch nicht komplett entziehen. Wenn in einer Familie der Sohn einen Ford Fiesta mit einer bestimmten Technologie fährt, dann erwartest du als Vater diese Technologie auch in deinem Aston Martin. Aber wir werden uns eher spät in diesen Bereich begeben.

Sie wollen auch einen SUV auf den Markt ­bringen. Konkurrenz für den Porsche Cayenne?
Wir betrachten Porsche insofern als Inspiration, als sie sich mit Cayenne und Macan regelrecht neu erfunden haben. Porsche baut 200'000 Autos im Jahr – ich habe aber nicht vor, eine Massenmanufaktur zu werden. Wir bauen eine begrenzte Anzahl an Wagen. Allerhöchstens 15'000 im Jahr.

Wozu braucht Aston Martin auch einen SUV?
Es zeichnet sich ein starker globaler Trend für SUVs ab – am stärksten in China. Wir sehen uns in erster Linie als Luxusmarke, in zweiter als Autobauer. Wer als Luxusmarke in China bestehen will, muss den dortigen sozialen Trends folgen. Und die führen ­unweigerlich zum SUV.

Ist auch eine Elektroversion des SUV geplant?
Ich kann mir das sehr gut vorstellen.

Das grösste Problem bei Elektromotoren ist nach wie vor die kurze Reichweite.
Die Branche selbst wird das Problem lösen. Sie muss nur endlich beginnen, in den Wettbewerb zu gehen: Wettbewerb erzeugt Mehrwert, und Mehrwert ­erzeugt Nachfrage, und die Autobauer sind dazu ­angehalten, diesen Mehrwert kostengünstig und ­gewinnbringend in Serie zu produzieren. Wenn ­unsere Branche erst anfängt, an leistungsstarken Batterien zu arbeiten, wird der Wettbewerb solche Batterien hervorbringen und die Preise dafür drücken. Davon bin ich absolut überzeugt.

In welcher Preisklasse wird sich denn der ­Elektro-Aston-Martin bewegen?
Der Zielmarkt ist China. Für einen V12-Motor zahlen wir derzeit horrende Summen an Einfuhrsteuer. Die entfallen bei einem Elektroauto. Das hebt die hohen Entwicklungskosten eines Elektroautos wieder auf. Also werden die Preise denen unserer Benziner-Modelle sehr stark ähneln.

Werden Sie ihn fahren, wenn der Elektro-Aston auf den Markt kommt?
Ich mag Elektroautos, ich kann mir durchaus vorstellen, in Zukunft eines zu fahren.

Und ein selbstfahrendes Auto?
Nein, niemals. Ich werde mich niemals in ein selbstfahrendes Auto setzen. Höchstens das eine, das mich dann zu meiner Beerdigung fahren wird.

*Der Brite Andy ­Palmer (52) ist seit Oktober 2014 CEO von Aston Martin. Der Diplomingenieur wirkte in seiner gesamten Berufslaufbahn für die Autoindustrie, vor allem in verschiedenen ­Positionen bei ­Nissan, zuletzt als weltweit ­Verantwortlicher für ­Marketing und Kommunikation und als Executive Vice President. ­Palmer ist verheiratet und Vater von vier Kindern.