Ihr Familienname Pininfarina steht für italienisches Design. Was steckt dahinter?
Paolo Pininfarina: Passion, der Wille nach etwas Revolutionärem.

Früher war Italien Ihr Markt, jetzt sind Sie als Designfirma global unterwegs.
Wir hatten vor zehn Jahren in Turin noch drei Autofabriken, wo wir gewisse Modelle – etwa den Fiat Spider – produzierten. Mit der Produktion waren wir 3000 Leute. Nun haben wir 700 Mitarbeitende, davon die Hälfte in Italien, 200 in München, 70 in Schanghai, 15 in Miami. Wir sind zwar eine Traditionsfirma aus Cambiano bei Turin, doch sind wir mittlerweile sehr international ausgerichtet und viel breiter aufgestellt.

Wie hält man in einer Kreativfirma die Kreativität hoch?
Indem wir bei der Auswahl der Leute wählerisch sind. Und indem wir die interne Kooperation verstärkt haben. Kürzlich haben wir den Posten eines CCO geschaffen, des Chief Creative Officers. Er koordiniert die Ideen und Projekte über alle Märkte und Branchen. Vorher war dies mein Job. Das gibt immer mehr zu tun, schliesslich haben wir drei Kreativteams, je eines in Turin, Miami und Schanghai. Diese sind rund um die Uhr im Betrieb.

Turin bleibt die Designzentrale?
Ja, wir haben 200 Designer – die eine Hälfte stammt aus Italien, die andere aus dem Ausland. 100 davon kümmern sich nur ums Autogeschäft, um Design, Konstruktion, Prototypenbau, Marketing.

Paolo Pininfarina

Der Enkel von Firmengründer Battista «Pinin» Farina präsidiert die Designfirma Pininfarina, die vor allem für ihre Auto-Designs bekannt ist. Zu ihren Kunden zählen Ferrari, Alfa Romeo, Fiat, Maserati und weitere. Das Unternehmen gehört heute zur indischen Mahindra Group.

Der Nichtautobereich wächst stärker, richtig?
Vor ein paar Jahren waren dies 10 Prozent, jetzt sind es 50 Prozent. Der Autoteil ist also geschrumpft, weil der Markt reif ist und konservativ. Zudem wird vieles inhouse entwickelt – und wir halten uns damit zurück, externe Designer zu holen. Entsprechend wachsen wir viel schneller in neuen Gebieten, etwa in der Architektur, weil weltweit enorm viel gebaut wird. Oder im Bereich Startups gerade in China.

Wie halten Sie die Qualität über die Jahrzehnte hoch?
Indem ich das Optimum anstrebe und immer ein Stück weit unzufrieden bin. Ich will elegantes, durchkomponiertes, anspruchsvolles, eigenständiges Design, keine Dekoration. Wer das nicht kann, ist bei uns am falschen Ort. Vielleicht sollten sie stattdessen ins Modegeschäft wechseln. Ein Lancia Aurelia B24 Spider «America» aus dem Jahr 1955, von meinem Vater und Grossvater entwickelt, das ist eine Verpflichtung für Generationen.

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Das Design der Rennsimulatoren für Classic Cars haben Sie wo entwickelt?
In Turin. Dieses Projekt zogen wir innerhalb von neun Monaten durch. Letzten Sommer hatten wir uns erstmals mit dem Auftraggeber TCCT getroffen und das Projekt besprochen. Die Simulatoren kommen von Racing Unleashed aus der Schweiz, die Assetto-Corsa-Software von Kunos in Italien.

Sind Sie ein paar Runden auf dem Simulator gefahren?
Diverse – eben war ich in einem Alfa Romeo 33 aus dem Jahr 1967 auf der alten Rennstrecke von Monza unterwegs, aber viel zu langsam. Ich muss mehr trainieren (lacht).

Der Simulator ist sehr elegant. Sie müssten auch mal einen Tesla zeichnen, der kommt mit langweiligem Allerweltsdesign daher.
Ich würde den Stil konservativ nennen (lacht).

Im Rennsimulator

Paolo Pininfarina hat einen Simulator erschaffen, der Laien über die Rennstrecke von Monza brettern lässt. Eine Testfahrt

Elektroautos fallen nicht durch spektakuläres Design auf. Weshalb?
Da gibt es Potenzial. Vermutlich sagen sich die Hersteller: Wir haben schon genug Innovation im Antrieb, da brauchen wir nicht noch ein spezielles Design, das die Kunden erschrecken könnte. Tesla ist ein typisches Beispiel: innovative Technologie, konventionelles Design. Hoffentlich wird Pininfarina diese Lücke bei den Elektrowagen füllen können (lacht).

Italienische Designfirmen wie Bertone, Zagato, Giugiaro oder Pininfarina gaben früher in der Autoindustrie den Ton an. Heute nicht mehr.
Das ist schade, denn die besten italienischen Wagen entstanden als Gemeinschaftswerk: der Lamborghini Miura mit Bertone, der Ferrari Dino 206 GT mit Pininfarina, der Alfa Romeo Zeta 6 mit Zagato: 90 Prozent der Ikonen entstanden in Kooperation mit Designern. Und weil das vor zehn Jahren geändert hat, sieht man immer mehr Weiterentwicklungen und kaum mehr spektakuläre Sprünge. Nehmen wir den Alfa Romeo Stelvio, das Styling ist auswechselbar.