So schnell sollte man eigentlich nicht zum Höhepunkt kommen. Aber manchmal kann man sich den Weg dorthin ja nicht aussuchen, und ­dieses Dorf weiss wirklich zu überraschen: weiträumige Architektur mit einstöckigen Häuschen, die Raum zum Atmen lassen – und jedes davon beherbergt Modemarken der Spitzenklasse. Etwa die lässige ­Outdoormarke Aspesi oder die ­ansonsten in Outlets praktisch nicht zu findenden Spitzenbrands Canali, Isaia, Brioni und Kiton mit bezahlbaren Stücken. Oder Corneliani, perfekt für Poloshirts mit italienischem Einschlag, dazu Lardini, Loro Piana, Pal Zileri – ­Italiens Who’s who der Männergarderobe. Dazu Edeltreter von Santoni oder Allen Edmonds, der einzigen US-Schuhmarke von Weltruf, unzerstörbare Koffer von Tumi, Winterchic von Moncler, Modernes für die Dame von Sandro oder Missoni, Haushalts­waren oder die grossen Sportartikelhersteller: Im Serravalle ­Designer Outlet, an der Autobahn zwischen Mailand und Genua gelegen, residieren, rein rabattmässig betrachtet, die meisten von den Besten.

Mit inzwischen 230 Stores gilt es als grösstes in ­Europa, infolge zahlreicher Erweiterungsbauten erfordert die Navigation im Outletdorf aber selbst für gemütliche Spazier­gänger einiges an Übersicht. Dafür stimmt, Italien sei Dank, die gastronomische Verpflegung, und das Beste: Serravalle ist keine 50 Kilometer von der ligurischen Küste entfernt.

Planen Sie Ihren Frühjahrs- oder Sommerurlaub in diesem Jahr doch ums Shoppen herum! Entspanntes «Lädele» ist ohnehin eine der beliebtesten Freizeitaktivitäten. In Serravalle kommen da ganz nebenbei schnell mehr Schritte zusammen als die empfohlenen täglichen 10 000. Outlets reduzieren die Konsumentenpreise um 30 bis 70 Prozent, bisweilen sogar noch weiter, und ganz ehrlich: Wenn Sie nicht gerade zum ehrgeizigsten Quintil der Fashionistas gehören (womit fast alle Männer bereits ausscheiden), spielt es doch keine Rolle, ob das neue Hemd oder der ­Anzug in diesem oder im Vorjahr geschneidert wurde.

Ein Glashaus für Gucci

Von dieser bestechenden Logik getrieben, haben wir uns auf­gemacht zur Vor-Ort-Recherche, zunächst Richtung Süden, mit Serravalle als erster Anlaufstelle. Der Weg könnte weiter in die unterschätzte Hafenstadt Genua führen oder Richtung San Remo nach Varigotti, um mit Michelle Hunziker im Meer zu planschen. Oder aber gen Süden, Richtung Toskana, via Florenz zu «The Mall»: eine Luxusausgabe von Outlet mit wenigen, dafür hand­verlesenen Marken, darunter Tom Ford, die derzeit heisseste Damen-Schuhmarke Aquazzura, Chopard oder Luxusleder­macher Bottega Veneta. Gucci allein bewohnt ein fast unanständig grosses Glashaus. Dank diverser Erweiterungen präsentiert sich «The Mall» nicht mehr so puristisch wie zu Beginn, als eine Doppelreihe Backsteinbauten wie ein Raumschiff in die Toskana gepflanzt wurde, ist aber immer noch die Edelresort-Version ­unter den Factory Outlets.

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Wir allerdings setzten unsere Tour Richtung Osten fort, zum «Bauch Italiens» – Parma, Modena und Bologna sind die Fressmetropolen des Stiefels. Bei Parma, direkt an der Autostrada del Sole, liegt das Fidenza Village an der gleichnamigen Abfahrt. Hinter einem herrschaftlichen Eingangstor erstreckt sich nach links und rechts ein einziger Catwalk – hier begegnet man sich tatsächlich immer zweimal. Die Shops können es weder punkto Anzahl noch Markenqualität mit Serravalle aufnehmen, dafür fallen hier auch keine Reisegruppen von Asiaten ein, die Serravalle gierig aus Mailand heranshuttelt. Fünf Millionen Besucher zählte dieses Outlet 2018; in Italien zieht nur das Kolosseum in Rom mehr Menschen an.

Im Fidenza Village geht es gemächlicher zu, dank der recht schmalen «Hauptstrasse» fällt auch im Hochsommer Schatten ein, und mit Prada, Vivienne Westwood oder Lederjackenspezialist Belstaff (bei dem man Glück braucht, um eins der klassischen Stücke zu finden) hat auch Fidenza seine Highlights. Schreiberlinge werden sich über einen Shop von Notizbuchbinder ­Moleskine freuen. Leider hat Taschenbrand Loewe, bekannt als «die spanische Hermès», seinen Ableger in Fidenza inzwischen wieder geschlossen. Wer aber nicht direkt aus Serravalle kommt, wird von Fidenza nicht enttäuscht sein.

Oh, wie schön ist Bergamo

Zum Schlafen steuerten wir Bergamo an, dessen erhabene Altstadt zahlreiche Restaurants vorhält. Unten im Shopping­distrikt fanden wir in Form von «Harrison», ausserdem einen geschmackssicheren Herrenausstatter.

Wer vor der Rückfahrt noch nicht genug hat von Italianità: Im Gewerbegürtel nördlich der Stadt residiert das durchgestylte «Modamica», das vom geschmacksverwirrten Jungfussballer-Millionär bis zum gereiften Altstar Herren aller Stilarten bedient, auch die Damen finden eine ausgedehnte ­Abteilung vor. Es könnte sich noch ein Nostalgie-Trip in das ­verschlafene Wasserstädtchen San Pellegrino mit einer neckischen Planscherei in der Therme anschliessen – die heute proper renoviert so ziemlich als einziger Grund für einen Besuch taugt. Wer sich für Einblicke in die verwitterte Pracht früheren Reichtums, etwa das seit vielen Jahren geschlossene Grand Hotel, begeistern kann und von vernachlässigten Gaststätten nicht abschrecken lässt, wird von diesem Abstecher mit wertvollen Eindrücken zurück in die Schweiz kommen.

Und hier wartet der Rückreise-Klassiker: Foxtown in Mendrisio, gleich nach der Grenze rechts abbiegen, auch dank der hierzulande seltenen Sonntagsöffnung praktisch jedem Schweizer bekannt – was die klaustrophobische Hallenatmosphäre nicht erträglicher macht. Foxtown punktet zwar mit einem breiten, durchaus hochklassigen Angebot, genannt seien gleich zwei ­riesige Shops von Burberry und einer von Reizwäschespezialist La Perla, weniger bekannte Topmarken wie Ermanno Scervino, die tolle Damenkleider führen, oder Fay und Saint Laurent, für Herren Church’s-Schuhe und die urbanen Jackenmarken Woolrich und C.P. Company (die mit dem Stoffemblem am Arm) oder die Outdoormarken Mammut und Odlo.

Doch ein halber Tag ­unter Tage in Mendrisio kann aufs Gemüt schlagen. Nebenan liegt noch ein Gemeinschaftsshop der schwedischen Hemdenmarke Eton und des Schweizer Wäsche-Qualitätsführers Zimmerli, die ihr Sortiment aber beide auf die regelrechte Resterampe beschränken; hier ist man immerhin schnell wieder draussen. Und dann auch bald zu Hause.

Deutsche Sparsamkeit statt Italianità

Der zweite Trip führt nach Norden – dorthin, wo Italiens Modebrands naturgemäss weniger nachgefragt und deshalb auch schwächer vertreten sind, wo vor allem die Discount-verrückten Deutschen mit ihrem Einkaufsverhalten die Markenspirale in den günstigeren Bereich geschraubt haben.

Wobei: Gleich die erste Station, umringt vom Spätzle- und Maultaschenland Württemberg, bildet die Ausnahme von der Regel. Metzingens «Outletcity» ist eben kein künstlich auf die grüne Wiese gestelltes Retortendorf, sondern eine Kleinstadt mit Fussgängerzone, wo Kleidungskonzern Hugo Boss seine Ursprünge und bis heute die Konzernzentrale hat. Dessen Fabrikverkauf war die Keimzelle eines wachsenden Outletgeschäfts, das um die Boss-Verkaufsfläche herum entstand, sich bis in den Ortskern ausbreitete und zuletzt mit futuristischen Grossbauten, ­inklusive neuer Parkhäuser, noch einmal deutlich vergrössert und modernisiert hat – und dabei den Charme des Stückwerks nicht einbüsste.

Neben Hunderten Metern dicht an dicht hängender Boss-Anzüge begeistert vor allem der edelste und grösste Prada-Shop, den wir finden konnten, die bei Damen höchst beliebten Max Mara (der hier ausnahmsweise unter seinem richtigen Namen auftritt) und Miu Miu sind vertreten, Wintersportbrand Kjus oder praktische Anbieter wie Sockenstricker Falke – und: Breitling unterhält hier ein eigenes Outlet. Statt die Uhren dem Graumarkt zu überlassen, verkauft Breitling Stücke aus ausgelaufenen Kollektionen auf eigene Rechnung, geschätzt etwa 30 Prozent unter dem früheren Listenpreis. Dazu addiert sich noch die Mehrwertsteuer-Ersparnis, die beim Tritt über die Schweizer Grenze anfällt.

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Auch die Verpflegung gelingt dank Marché von Mövenpick in gehobener Qualität. An Samstagen allerdings, das als Warnung, kann die Anfahrt mit dem Auto zeitraubend werden. Dann neigen die Zufahrtsstrassen zur Verstopfung.

Wertheim Village erinnert an Fidenza

Beschaulicher wiederum geht es in Wertheim zu, an der deutschen Autobahn 3 westlich von Würzburg gelegen – übrigens ein ziemlich schmuckes Universitätsstädtchen, jeden Wochenendtrip wert. Wer sich im Wertheim Village an Fidenza erinnert fühlt, beweist Assoziationsvermögen: Das halbkreisförmig angelegte Outletdorf, in dem sich die Shops entlang einer schmalen Hauptstrasse aufreihen, gehört zur selben Kette, den «Bicester Villages», benannt nach Englands grösstem Outlet nordwestlich von London.

Auch Wertheim präsentiert sich pieksauber, elegant ­begrünt und mit schmucken Türmchen und Torbögen bestückt. Zum Shoppen findet sich hier nichts Spezielles, ausser vielleicht Fred Perry, wo eine erstaunlich gut sortierte Regalwand mit ­klassischen Poloshirts gefüllt ist. Auch Belstaff ist vertreten, die Shops von Eton und der angesagten französischen Marke Sandro sind hier besser sortiert als ihre Pendants in Mendrisio.

Weiter nach Nordwesten, in Richtung Meeresanschluss der Millionen Ruhrpott-Einwohner. Am Dreiländereck von Deutschland, Holland und Belgien, einem dicht besiedelten, gigantischen Einzugsgebiet, konkurrenzieren sich gleich zwei Outlets im Abstand von nur 30 Kilometern: Roermond in Holland und Maasmechelen in Belgien. Hier lässt sich der Wettstreit der Konzepte am besten beobachten.

Maasmechelen Village gehört wie Wertheim und Fidenza zur Bicester Collection, die elf Standorte umfasst und hinter der sich ein Konzern namens Value Retail verbirgt. Roermond, wie auch Serravalle, sind Teil der doppelt so grossen Gruppe McArthurGlen, die als Europas Pionier im Outletgeschäft gelten kann.

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Roermond glänzt ausserhalb von Kleidung

Das Outlet Roermond, Ende 2001 und damit kurz nach Serravalle eröffnet, fügt sich wie ein mittelalterliches Städtchen zu einem geschlossenen Ganzen, mit parallelen Einkaufsstrassen und Marktplätzen – dennoch, auch infolge der schieren Grösse und beengten Architektur, taugt der Grundriss zur Verwirrung des Konsumenten. Zwar kommt niemand zum Sightseeing ins Outlet – aber auch für Roermond gilt: sehr okay, solange man das Schwester-Center Serravalle nicht kennt. Oder sich eher im mittleren Modesegment wohlfühlt.

Die Edelitaliener fehlen hier, einen Blick lohnt vielleicht die tiefer angesiedelte «Cavallaro Napoli», von einem Niederländer mit italienischem Vater gegründet. Dafür sind der angesagte Brite Ben Sherman vertreten und der werbeaktive Schuhmacher Floris van Bommel, wiederum Breitling, zudem Konkurrentin TAG Heuer; bei ­unserem Besuch lag dort sogar eine klassische «Monaco» in der Vitrine. Angesichts von 21 Prozent Mehrwertsteuer in Holland hätte sich ein Kauf doppelt gelohnt: erst den Preisrabatt einstreichen, dann den Mehrwertsteuer-Ausgleich mitnehmen. Roermond glänzt punkto Sortiment eher ausserhalb von Kleidung: Kultbrands wie Montblanc und Mulberry, Birkenstock und Black + Decker werben hier um Konsumentengelder.

Und hier kann nun der Urlaub starten. Denn gleich neben dem Outlet wartet Roermonds malerische Altstadt – ein echtes Plus gegenüber vielen anderen Centern, die zentrumsfern auf grüne Wiesen gestellt wurden.

Ohne Navi-Hilfe gar nicht leicht zu finden

Getrost überspringen können Sie dafür das Outlet Maasmechelen, das wir dank galoppierendem Pflichtbewusstsein natürlich trotzdem für Sie inspiziert haben – obwohl es infolge fehlender ­Hinweisschilder ohne Navi-Hilfe gar nicht leicht zu finden war. Hier zeigte sich allerdings: Das übermächtige Roermond hat den Belgiern die Luft abgeschnürt. Mehrere Shops stehen leer, echte Knallermarken fehlen. Dafür ist Maasmechelen dank üppigem Pflanzenschmuck die vielleicht schönste Anlage, die wir besucht haben. Taschenmarke Herschel, Frankreichs Kultmarke Le Coq Sportif oder die Kosmetiker von Clarins lohnen aber durchaus einen Blick.

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Was in den Outlets an Budget nicht vershoppt werden konnte, lässt sich wunderbar auf dem Weg zum Meer bei Frans Boone in der Fussgängerzone von Sluis abwerfen, wahlweise auch in der Filiale im Seebad Knokke. Der stil­sicher mit alten Möbeln eingerichtete Herrenausstatter führt ein superbes, vor allem casual-italienisch ausgerichtetes Sortiment.

Überfüllte Ferienküste

Nun sind wir angekommen in der Ferienregion, wo Belgiens Küstentram verkehrt. Ein Tipp hierzu: Unternehmen Sie diese Fahrt nicht (wie wir) an den heissesten Tagen des Jahres. Wir fuhren 30 Kilometer den Strand entlang, ohne einen einzigen Parkplatz zu finden – too many great minds thought alike. Bei 42 Grad im Schatten wollten auch andere ans Wasser.
Unsere Alternative: Brügge sehen und vor Hitze sterben.

Die Venedig-Vergleiche sind etwas ehrgeizig, aber die mittelalterliche Altstadt mit ihren Brücken und Kanälen und dem mächtigen Marktplatz, zum Unesco-Weltkulturerbe gekrönt, belohnen für den erzwungenen Abstecher, zumal das hübsch gelegene «T’Schrijverke» leckere Fusionsküche servierte. Als weitere Ziele lägen pittoreske Städte wie Den Haag, Leiden oder Antwerpen nahe, auch das aufregend-modernistische Rotterdam – oder eben Strandferien. Selbst die Normandie ist in Reichweite.

Das gilt auch für die noch kaum entdeckten Ardennen, die wir, via Brüssel und vorbei an der legendären Rennstrecke von Spa, streiften. Luxemburg hätte sich als Stopover angeboten, aber wir fuhren lieber hinab ins Römerstädtchen Trier mit seiner Porta Nigra, das von erstaunlich gut aussehenden Menschen bewohnt wird und dank einer Universität viel jugendliche Frische ausstrahlt – dies auch, um rechtzeitig das Outlet Zweibrücken zu erreichen. Hier beherbergen nüchterne Zweckbauten eher die zweite Markenliga wie Abercrombie & Fitch, Bogner, Comma oder Daniel Hechter. ­Zumindest finden sich Birkenstock, Hemden von van Laack und Hosen von Brax, Under Armour oder die Trendmarke The Kooples – die aber alle auch anderswo auftreten.

Zweibrücken gehört als einziges der besuchten Outlets nicht zu McArthurGlen oder Value Retail, sondern einer dritten Gruppe, VIA Outlets, die auch das Schweizer Center bei Landquart betreibt. Foxtown befindet sich im Eigentum des Tessiner Immobilienmoguls Silvio Tarchini, die Outletcity Metzingen gehört den Hugo-Boss-Erben Uwe und Jochen Holy.

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Klein und fein am Rhein

Die letzte Station darf man als «klein, aber fein» bezeichnen. Im elsässischen Roppenheim, gegenüber von Baden-Baden und direkt am Rhein gelegen, hat die spanische Neinver-Gruppe eins ihrer «Style Outlets» eröffnet. Neben elsässischen Leckerbissen von Fortwenger marketendern auch die französischen Marken Façonnable (Herrenkleidung) und Le Tanneur (Lederwaren) in Roppenheim. Das eigentliche Highlight aber heisst Heschung – ein bei Insidern gerühmter, im Elsass beheimateter Schuhmacher. Tolle Teile verkauft auch ein Geschäft namens «Diffusione ­Tessile», hinter dem sich Max Mara versteckt; bei allen Kleidungsstücken in Roppenheim wurden sorgfältig die Etiketten ausgetauscht. Im Shop der Galeries Lafayette fanden sich hingegen keine Trouvaillen – immerhin, er existiert.

Die Heimfahrt könnte über Strasbourg und Colmar führen. Wir wählten jedoch eine Strecke über den Schwarzwald und übernachteten in direkter Nachbarschaft zu den berühmten Drei-Sterne-Fresstempeln von Baiersbronn – im gemütlichen Freudenstadt. Im Brauhaus, gelegen an «Deutschlands grösstem Marktplatz», sollte man sich mit einem Krustenbraten stärken, um genug Energie für die «Après-Ski-Party» anzusammeln. Am Folgetag lässt sich bei «Haas au Vin» der Kofferraum mit besten französischen Crémants und Weissweinen befüllen. Wer sein Budget im Outlet-Shopping geschont hat, dem eröffnen sich im Genuss-Segment ganz neue Möglichkeiten.