Vor 100 Jahren – am 1. Februar 1913 – öffnete der Grand Central Terminal, besser bekannt unter Grand Central Station, in New York seine Tore. 3000 Leute strömten hinein, ­bestaunten die monumentale Halle mit der goldenen Uhr aus Opal, die 20 Millionen Dollar wert sein soll, die hohen Fenster, durch die tagsüber schräg das Sonnenlicht bricht.

Um ein Haar aber hätte es in diesem Jahr gar kein Jubi­läum zu feiern gegeben. Dem Grand Central Terminal drohte nach dem Zweiten Weltkrieg dasselbe Schicksal. Wenn man seine Nase in die Pläne steckt und prüft, was an seiner Stelle entstehen sollte, läuft es einem nachträglich kalt den Rücken herunter.

Der berühmte Architekt I. M. Pei entwarf 1954 ein ­«Hyperboloid» – ein phantastisch-futuristisch in die Höhe geschwungenes Rohr aus Stahl und Glas. Der Architekt Marcel Breuer setzte 1968 noch eins drauf: Er malte sich ein rechteckiges Riesendingsbums aus, das wie ein zu schwerer Hut dem Grand Central Terminal aufs Dach gepackt werden sollte.

Zwar galt er amtlich als Architekturdenkmal, aber gegen diesen Status klagten 1969 ausgerechnet die Betreiber und Baufirmen des Bahnhofs selbst. Nach sechs Jahren bekamen sie den ­Zuspruch. Den Kränen mit ihren schwingenden Abrissbirnen aus Stahl schien nichts mehr im Weg zu stehen. Bis auf die Bürgerinitiative «Rettet den Grand Central Terminal». Und nachdem das New Yorker Gericht seinen Spruch verkündet ­hatte, meldete sich eine prominente Unterstützerin aus Washington D.C. – Jacqueline Kennedy Onassis.

Die Witwe des ermordeten Präsidenten war nicht nur ein Liebling der Medien, sie verstand auch eine Menge von Architekturgeschichte. Mit ihr als Fürsprecherin wurde die Bürgerinitiative zur Rettung des schönen, alten Bahnhofs immer breiter. Und gleichzeitig wurde der Streit in den Gerichtssälen in immer höhere Instanzen getragen.

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1978 landete die Causa vor dem Obersten ­Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Und die Mehrheit der Obersten Richter erklärte: «Jawohl, Städte dürfen alte Gebäude zu Baudenkmälern erklären!» Es war die wichtigste Entscheidung, die in Sachen «Denkmalschutz» je in Amerika ­gefällt wurde.

Der Rechtsstreit war damit gewonnen, jedoch stand die Stadt New York gerade mit furchtbar leeren Taschen da. Der Grand Central Terminal verkam, verfiel und wurde zur Heimstätte von Obdachlosen.

Ende der 1980er-Jahre aber begannen die ­Renovierungsarbeiten, und 1998 wurde der restaurierte Bahnhof eröffnet. Er ist ein prachtvolles Relikt jener Ära, die im Rückblick nur «die schöne» heisst: der Belle Epoque also.

Stellen wir uns in die Mitte des Main Concourse, der grossen Halle im Zentrum des Bahnhofs. Geniessen wir die kathedralenhafte Architektur. Richten wir den Blick zur Decke, die azurblau angemalt ist, freuen wir uns an den zwölf Sternzeichen, die wir dort oben erkennen können.

Lassen wir den warmen Ton des Steins auf uns wirken, der hier verbaut wurde. Schlendern wir anschliessend über die Balustrade oberhalb der Halle und schauen von dort auf die Menschen ­hinunter, die durch den riesigen Raum gehen, flanieren, manchmal auch rennen. Gönnen wir uns einen Blick auf die königlichen Kristalllüster, die von der Decke hängen. Erfreuen wir uns des Blicks auf die Kirchenfenster dieses Bahnhofs, hinter denen die Stadt New York auf uns wartet.

Ehe uns zu feierlich zumute wird, begeben wir uns lieber zwei Stockwerke tiefer in den «Food Concourse», wo Dutzende Restaurants und Imbissbuden Fressalien und Delikatessen anbieten. Setzen wir uns in die «Oyster Bar», bestellen wir ein Glas Wein.

Und trinken wir den ersten Schluck auf Jacqueline Kennedy Onassis – und alle anderen, die dafür gesorgt haben, dass der prachtvolle Grand Central Terminal heute mehr ist als eine nostalgische Erinnerung.Hannes Stein

Bei der Swiss kostet ein Retourflug ab Zürich etwa 1000 Franken.