Einst herrschte eisige Kälte, dann wieder drückende Schwüle: Der lärmige Arbeitsplatz von Tae’ Aunna Schumake war früher das Vorfeld des Flughafens von Detroit. Als «Ramp Agent» half sie, Boeing- und Airbus-­Maschinen für den nächsten Flug vorzubereiten. Heute führt sie ein Team, das in einem ruhigen und hellen Raum unter staubfreien Bedingungen Shinola-Armbanduhren zusammenbaut. «Ich wurde schon zwei Mal befördert», strahlt Schumake, «und ich durfte für drei Wochen zur Weiterbildung in die Schweiz.»

In die Fussstapfen traditioneller US-Marken

Die junge Afroamerikanerin ist Teil eines ehrgeizigen Projekts: Nach mehr als vierzig Jahren Unterbruch werden seit 2013 in den Vereinigten Staaten wieder industriell Uhren gefertigt. Shinola tritt damit in die Fussstapfen von traditionellen US-Marken wie Elgin, Gruen oder Waltham, die schon vor der Quarzkrise der siebziger Jahre vom Markt gefegt worden waren. Im fünften Stock des riesigen, denkmalgeschützten Argonaut Building, einer Ikone der US-Industriearchitektur mitten in Detroit, stellt Shinola heute täglich mehrere tausend Uhren mit Quarzwerken her.

Vor rund 140 Jahren sah sich die damals noch stark handwerklich geprägte Schweizer Uhrenindustrie aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, sich den modernen Fertigungsmethoden der amerikanischen Konkurrenz anzupassen. Heute läuft der Transfer von Know-how in umgekehrter Richtung: Ohne ­Geburtshilfe aus der Schweiz hätte Shinola nicht innerhalb von fünf Jahren eine komplette Werk- und Uhrenfertigung aufbauen können.

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Entwicklungshilfe von Ronda

Partner von Shinola ist Ronda, der weltweit grösste unabhängige Hersteller von Quarz-Uhrwerken, aus Lausen BL mit Fabriken im Tessin und in Thailand. Ronda liefert Shinola die Werke nicht betriebsbereit, sondern in Einzelteilen. «Platinen, Brücken, das Räderwerk, Spulen, alles bis zur letzten Schraube», sagt Ronda-Mitinhaber, VR-Präsident und CEO Erich Mosset. Montiert werden die Werke in Detroit. Aus einem Chronographenwerk Ronda-5021 wird so ein Shinola Argonite-5021, aus Ronda-1069 Argonite-1069. Die einzigen zwei Unterschiede gegenüber Werken aus der Schweiz: eine laufende Shinola-Fertigungsnummer und der eingravierte Schriftzug «Made in USA».

«Shinola ist der einzige Kunde, mit dem wir in dieser Weise zusammenarbeiten», erklärt Mosset. Ronda liefert nicht nur alle Einzelteile für die Uhrwerke, sondern unterstützte Shinola auch beim Aufbau der Infrastruktur und bei der Ausbildung der Belegschaft. Olivier De Boel, Fabrikationsleiter bei Shinola, steht neben der Montagestrasse für Uhrwerke: «Sehen Sie, hier haben wir die genau gleichen Einrichtungen wie im Ronda-Montagewerk in Thailand.»

Aus Thailand kamen in der Anfangsphase von Shinola auch die fünf Ausbildner, die der Startbelegschaft die Kunst der Werk- und der Uhrenmontage beibrachten. «Sie standen hinter dir am Werktisch und führten dir die Hand, damit du die Pinzette ja richtig hältst», erinnert sich Mecha Raybon.

Voraussetzung: Bestehen eines Geschicklichkeitstests

Heute ist Raybon Teamleiterin, früher schraubte sie Stossstangen zusammen und betreute Senioren. «Mit Ausnahme von zwei ausgebildeten Uhrmachern hatten alle unsere Leute zuvor noch nie ein Uhrwerk oder eine Uhr zusammen­gebaut», sagt Olivier De Boel. Sie arbeiteten im Verkauf, in der Auto­industrie, als Dentalhygienikerin, im Gesundheitswesen – oder sie waren arbeitslos.

Mit 10,9 Prozent ist die Arbeitslosenrate in Detroit trotz anziehender Konjunktur immer noch doppelt so hoch wie im Landes-Durchschnitt. Voraussetzung für eine Anstellung in der Werk- und der Uhrenproduktion ist das Bestehen eines Geschicklichkeitstests. «Ich schnitt da offenbar recht gut ab», meint Willie Holley, der als Wachmann gearbeitet hatte. Auf jeden Fall wurde er angestellt und überwacht heute die Werkproduktion. «Vom Wachmann zum Supervisor – und das in vier Jahren. Eigentlich verrückt!», lacht Holley.

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Industrielle Erbe der Stadt spielt zentrale Rolle

Detroit mit seinen Fabrikbrachen und verfallenen Quartieren steht sinnbildlich für den Krebsgang der Industrie in den USA: Shinola ausgerechnet in der bankrotten «Motor City» anzusiedeln, sei ein bewusster Entscheid gewesen, bestätigt Verwaltungsratspräsident Jacques Panis, «denn Detroit bedeutet für Amerikaner Produkte mit Qualität».

Das industrielle Erbe der Stadt spielt denn auch im Marketing von Shinola eine zentrale Rolle, ja es wird geradezu zelebriert. «Detroit» steht nicht nur auf dem Zifferblatt jeder Uhr, sondern auch auf dem Gehäuse­boden. Und Panis schwärmt von «der ­Zähigkeit der Bevölkerung von Detroit, der Dynamik und dem Willen, es besser zu machen». Was Panis nicht sagt, liegt auf der Hand. Detroit verfügt über ein grosses Potenzial an Arbeitskräften, und die Löhne liegen unter dem nationalen Durchschnitt. Bei Shinola beginnen neue Mitarbeitende mit einem Stundenlohn von 13.50 Dollar brutto.

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Rasantes Wachstum

Shinola gehört der Private-Equity-Firma Bedrock Manufacturing von Tom Kartsotis. Dieser hatte 1984 Fossil gegründet, sich aber bis 2010 aus allen Funktionen im Lifestyle- und Uhrenkonzern in Dallas zurückgezogen. «Das Konzept von Shinola stammt von Tom, und es ist brillant», lobt Jacques Panis seinen Chef. Kartsotis sei überzeugt, dass sich industrielle Tätigkeit in den USA noch immer lohne. Der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Die Produktion der Uhren stieg von 2013 bis Ende 2015 von 50'000 auf 220'000 Stück. Verkauft werden sie in eigenen Flagship Stores, über Juweliere und gehobene ­Warenhausketten wie Bloomingdale’s, Saks Fifth Avenue oder Neiman Marcus und via Internet. In der Schweiz ist Shinola offiziell noch nicht vertreten.

Nur fünf Jahre nach der Gründung ­beschäftigt das Unternehmen bereits 540 Leute, davon 300 in Detroit. Mit Finanzdaten geht Shinola sparsam um. Dass die Firma 2014 laut «New York Times» bei einem Umsatz von 60 Millionen Dollar noch rote Zahlen schrieb, wird knapp bestätigt. Für das vergangene Jahr heisst es nur: «Wir sind gesund und auf dem Weg in die Gewinnzone.»

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Mehr als Uhren

Die Uhren aus Detroit gehen für 500 Dollar für eine Dreizeigeruhr bis 1500 Dollar für einen Chronographen über die ­Ladentheke. Im US-Markt gehören die Quarzticker damit zur Kategorie des ­«erschwinglichen Luxus». Im Design orientiert sich Shinola an klassischen Vorbildern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Panis spricht von «zeitlosen Uhren». Mechanische Werke in die Uhren einzubauen, sei im Moment noch kein Thema, mehr Komponenten selbst herzustellen, dagegen schon.

Rund die Hälfte der Lederuhrenbänder werden bereits heute in der fünften Etage des Argonaut Building gestanzt und genäht, wenige Dutzend Meter vom Uhrenatelier entfernt. Im Aufbau befindet sich die Fabrikation von Zifferblättern. Künftig wird Shinola nur noch für die galvanische Bearbeitung der Rohzifferblätter und für das Aufsetzen von Appliken auf Dritte angewiesen sein. Die Uhrengehäuse stammen auf absehbare Zeit weiterhin aus China, «aus der exakt gleichen Fabrik, die auch die Big Swiss Guys beliefert», wie Panis grinsend ergänzt.

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Im grossen Detroiter Flagship Store von Shinola spielen Uhren überraschenderweise optisch nicht die Hauptrolle, sondern Fahrräder. «Wir haben Shinola von Anfang an nicht als reine Uhrenmarke konzipiert, sondern als Designbrand», so Panis. Deshalb hat die Firma neben Velos auch Lederwaren wie Taschen und iPad-Hüllen und Papeterie­artikel für gehobene Ansprüche im Sortiment, alles made in USA. Patriotismus verkauft sich eben gut in den Vereinigten Staaten – auch wenn dafür ein höherer Preis fällig wird.