Bald ist es so weit: 2018 wird Estland 100 Jahre alt und seine kleine, sympathische Hauptstadt Tallinn steht dann im Zen­trum der Feierlichkeiten und im Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Auch weil das Land am finnischen Meerbusen in seinem Jubiläumsjahr die Präsidentschaft der Europäischen Union (EU) übernehmen wird. Man bereitet sich also vor in Tallinn und will mit seiner spannenden Geschichte die eigene Zukunft anschieben.

Am 24. Februar 1918 wurde die selbstständige Republik Estland ausgerufen, obwohl die eigentliche Unabhängigkeit erst im sogenannten Freiheitskrieg gegen Russland (1918 bis 1920) erkämpft wurde. Der Zweite Weltkrieg brachte das Land wieder in eine russische Okkupation und ab 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht Tallinn, da Hitler das Land dem Deutschen Reich angliedern wollte. Drei Jahre später war es erneut die Sowjetarmee, die Estland von den Deutschen befreite und die Kontrolle übernahm. Weitere 51 Jahre später, am 20. August 1991 und zur Zeit des Moskauer Putsches, wurde Estland wieder unabhängig. Die Beziehung zu Russland bleibt seither schwierig, auch weil fast 25 Prozent der Bevölkerung russischstämmig sind.

Vergangenheit wird nicht versteckt

Wer Tallinn besucht, wird damit konfrontiert, aber nicht etwa in negativer Form, sondern als fixer Bestandteil der estnischen Identität. Irgendwie hat man sich mit seiner Vergangenheit versöhnt und will nun nach vorne schauen. Und deshalb feiert man auch nicht die Loslösung von Moskau 1991, sondern die Ausrufung der Republik 1918. Entsprechend versteckt­ die Altstadt Tallinns ihre Vergangenheit nicht.

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Der mittelalterliche Hauptplatz namens Raekoja Plats und das dortige Rathaus, im gotischen Stil erbaut, stammen aus dem Jahre 1322. Die Ratsapotheke gegenüber ist seit 1422 im durchgehenden Betrieb offen. Die Hotels rund um das malerische Zentrum zelebrieren ebenfalls ihre Geschichte und sind wichtiger Bestandteil des touristischen Angebots. Ein gutes Beispiel ist das Boutiquehaus Schlössle mit seinen 23 charmanten Zimmern in alten Gemäuern mit massiven Holzbalken, Ölgemälden und antiken Möbeln.

Einen etwas stärkeren Bezug zur Moderne stellt das zu Relais & Châteaux gehörende «Three Sisters» her. In mehreren schönen, aneinandergebauten Handelshäusern aus dem 14. Jahrhundert eingerichtet, bietet es zeitgemässe und elegante Zimmer mit allen Annehmlichkeiten, die Luxusreisende fordern. Das eigene Restaurant Bordoo bietet estnische Küche und Fusionsgerichte. Die an sich traditionell deftige heimische Küche wird übrigens von immer mehr ambitionierten Restaurants modern und leicht interpretiert. Da lohnt sich zum Beispiel ein Besuch im schicken «Mekk», das unter anderem in Honig gebackene Entenfilets mit Gemüsechips, Petersilien­püree und Johannisbeersauce serviert.

Nicht nur Borschtsch und Beluga-Wodka

Als letztes Beispiel der geschichtsträchtigen Tallinner Hotellerie sei das «Telegraaf» erwähnt, ein grosses kleines Grandhotel mit 86 Zimmern. Früher tatsächlich das Telegrafenamt, führte damals ein direkter Draht zum KGB-Büro gleich um die Ecke – dort, wo heute das KGB-Museum steht. Zwar ist Estland froh über seine Unabhängigkeit von Russland, aber im Restaurant des Mitglieds von Small Luxury Hotels bekommt man noch Borschtsch oder Pelmeni mit Pilzen und trinkt Beluga-Wodka mit exakt 4 Grad Temperatur. Und so passt es, dass der Name dieses Restaurants «Tschaikowsky» ist.

Visuell überwiegt in Tallinn also das Traditionelle, aber man ist dennoch ziemlich zukunftsfokussiert. Um einen Einblick in die neue Richtung der Stadt zu gewinnen, sollte man daher das Rotermannviertel, den modern gestalteten Freiheitsplatz und das junge Kunstmuseum besuchen. Es passt, dass Wi-Fi quer durch die Stadt gratis erhältlich ist, sogar in den öffentlichen Bussen. Zwar wurde Skype nicht, wie fälschlicherweise berichtet, in Estland erfunden, sondern durch den schwedischen Programmierer Niklas Zennström und seinen dänischen Kompagnon Janus Friis im Königspark von Kopenhagen, aber ein estnisches Entwicklerteam schrieb 2002 die entsprechende Software. Tallinn ist übrigens flächenmässig einiges grösser als Zürich, hat aber fast eine gleich grosse Bevölkerung: 399 000 der 1,32 Millionen Einwohner Estlands.

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Der grösste Berg ist nur 318 Meter hoch

Auch im Hinblick auf die 2018-Feierlichkeiten und mit EU-Unterstützung geht der Ausbau der Angebote und Dienstleistungen weiter. Grössere moderne Unterkünfte sind schon vorhanden, beispielsweise das «Radisson Blu», das «Nordic Hotel Forum» und das tolle «Swissôtel Tallinn». Ein brandneues Kongress- und Tagungszentrum ist in Planung.

Auch wenn der grösste Berg Estlands, der Suur Munamägi, gerade mal 318 Meter über Meereshöhe liegt, ist Estland und seine sympathische Hauptstadt eine Reise wert – gute Qualität und weltoffene Gastfreundschaft inbegriffen.

Anreise

Estland ist per Auto, Bus, Flugzeug oder Schiff unkompliziert zu erreichen. Mit der Bahn kann man nur aus Russland oder Lettland anreisen. Die meisten Touristen benutzen den Lennart-Meri-Airport in Tallinn. Mit seinem neuen schicken Flughafen soll bald auch die Anbindung an Europa besser werden. Ab der Schweiz gibt es noch keine Direktflüge, aber die Star-Alliance-Partner Lufthansa (via Frankfurt) und SAS (via Kopenhagen oder Helsinki) bieten ziemlich gute Lösungen an. Mit Air Berlin geht es von Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt, München oder Berlin nach Tallinn. Der National Carrier Estonian Air bietet von März bis Oktober Direktflüge von Berlin sowie von April bis Oktober von München und Wien nach Tallinn an.

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