In den Boomjahren war am Handgelenk nur das Teuerste gut genug: Gold, Platin und Diamanten. Und natürlich gehörten ­edle Komplikationen wie Minu­ten­repe­titionen, ewige Kalender und besonders gerne – durch die Aussparung im Zifferblatt von weitem erkennbar – Tourbillons zum täglichen Outfit. Schliesslich galt es ja zu zeigen, dass man zu den Erfolgreichen gehört. Kein Wunder, schossen die Anbieter solch besonders teurer Komplika­tionen wie Pilze aus dem Boden.

Doch nun, in der Endphase der Krise, die nicht nur die Uhrenindustrie, sondern auch die Konsumenten ziemlich durch­geschüttelt hat, zeigt kaum mehr jemand freiwillig, was er wirklich hat. Tiefstapeln ist en vogue.

Dennoch kann man sich etwas Gutes und Kostbares am Handgelenk gönnen. Statt sich mit Statussymbolen zu behängen, muss man dazu nur ganz bewusst ­jene Modelle auswählen, die ihr Können nicht theatralisch zur Schau stellen.

Keine Angst, das ist nicht das Ende der Tourbillon-Ära. Man kann diesen Mechanismus weiterhin am Handgelenk platzieren, denn diese uhrmacherische Komplikation ist auch dezent verpackt und eben nicht durchs Zifferblatt sichtbar zu haben. Bei der Patek Philippe 5016P zum Beispiel ist der Mechanismus zum Ausgleich der Schwerkraft nur von der Uhrenrückseite her einsehbar.

Gleiches gilt für die Minutenrepeti­tion: Wiederum Patek Philippe, aber auch IWC, Blanc­pain oder Breguet bieten Schlagwerke an, denen man von aussen nicht ­ansieht, wie edel und teuer sie tatsächlich sind – im Falle von Breguet 230  600 Franken. Lediglich der Schieber zum Auslösen des Repetitionsmechanismus an der linken Gehäuseflanke liefert ein kleines Indiz. Dem Zifferblatt selber sieht man absolut nichts an: Je nach Ausführung, mit grosser oder kleiner Sekunde oder ganz ohne, sind gerade einmal zwei bis vier Zeiger zu sehen. Und sonst nichts.

Versteckspiel. Die gleiche optische Täuschung liefert die A. Lange & Söhne Richard Lange Pour le Mérite. Äusserlich ist sie eine schlichte Dreizeigeruhr in einem Platingehäuse, das man ohnehin gut und gerne mit Stahl verwechseln könnte. Doch unter dem Zifferblatt geht es zur Sache: Der hochkomplexe Mechanismus mit seinem Antrieb über Kette und Schnecke sorgt über die gesamte Gangdauer für eine konstante Kraftabgabe der Feder an die Uhrwerkshemmung. Daraus resultiert ein ungewöhnlich akkurater Gang mit Abweichungen von ganz wenigen Sekunden am Tag. Der Träger dieses 143  100 Franken teuren Zeitmessers bekommt so nicht nur die exakte Zeit angezeigt, sondern auch das beruhigende Gefühl, dass weniger oft mehr ist.

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In der Welt der Chronographen kann man sich ebenso dezenten Luxus ans Handgelenk schnallen. Etwa indem man sich für das Modell Malte von Vacheron Constantin in Platin entscheidet. Klassisch elegant sieht er aus, der Zeitmesser mit dem enormen Wert von 71  100 Franken. Wie eine einfache Stahluhr.

Montblanc wiederum bietet ein tiefstapelndes Weiss­goldmodell mit schwarzem Emailzifferblatt an, in dessen Innerem das Edelkaliber 16.29 der Manufaktur Minerva tickt. Nach aussen hin wird man den Wert dieser 85  600 Franken teuren Uhr kaum ahnen, nur der wahre Kenner wird sie als Edelzeitmesser identifizieren.

Doppelte Raffinesse. Bluffen könnte man genauso gut mit der auf 69 Stück ­limitierten und 88  000 Franken teuren Omega Speedmaster Professional Moonwatch in Platin, die im vergangenen Jahr zum 40-Jahr-Jubiläum der Mondlandung vorgestellt wurde. Für eine Speedmaster ist das ein stolzer Preis, umso mehr, als die Uhr aussieht wie die ganz gewöhnliche Ausführung in Stahl.

Wenn es kein Chronograph sein soll und der Wunsch nach einer Reiseuhr ­besteht, dann eignet sich die Audemars ­Piguet Royal Oak Offshore Dual Time. Die Manufaktur in Le Brassus VD hat ­immer noch den Bonus des Kleinserienherstellers, der nicht den Bekanntheitsgrad von Rolex besitzt, aber mindestens so edle Zeitmesser produziert.

Wenn schon Rolex, dann empfiehlt sich zum Tiefstapeln eine Day-Date II in Platin, die viele ziemlich sicher für eine einfache Einsteigerstahluhr des Genfer Herstellers halten werden.

Besonders raffiniert in Sachen Understatement ist die Jaeger-LeCoultre Amvox2 Rapide Transponder. Zum einen handelt es sich dabei um einen optisch schönen Chronographen, der überhaupt nichts Protziges an sich hat. Und zum anderen ist es eine Uhr, die sich nur kaufen kann, wer gleichzeitig Besitzer eines Aston Martin Rapide ist. Die Amvox2 Rapide Transponder ist mit einem Mikrosender ver­sehen, mit dessen Hilfe das Auto geöffnet und geschlossen werden kann. Um die Türen des Aston Martin zu öffnen, muss man lediglich auf die Position «open» (zwischen der Acht und der Neun) drücken. Abschliessen lässt sich der Sport­wagen durch einen Druck auf «close» (zwischen der Drei und der Vier). Bei gleichzeitigem Druck auf die «open»- und die «close»-Fläche sendet die Jaeger-LeCoultre ein Signal, das vom Fahrzeug als «find me»-Aufruf erkannt wird: Die Scheinwerfer leuchten mehrere Sekunden lang auf, ohne dass die Türen bereits entriegelt würden. Damit findet man sein ­Auto problemlos wieder, auch wenn beim Sammlertreffen gleich mehrere Rapides nebeneinander parkiert sind. Unter Gleichgesinnten ein Must, gegenüber Uneingeweihten einfach eine Uhr.

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Und wer es wirklich auf die Spitze treiben will, dem sei die neue Panerai L’Astro­nomo ans Herz gelegt. Äusserlich scheint sie nur irgendeine weitere ­Luminor zu sein, doch in Wirklichkeit ist sie die neue Superkomplikation der Kultmarke mit einer Vielzahl von astronomischen Anzeigen. Dazu gehören ein Indikator für den Sonnenauf- und -untergang sowie eine Himmelskarte auf der Gehäuserückseite. Beide Funk­tionen werden jeweils auf den Wohnort des Käufers ausgelegt. Hinzu kommen ­eine Zeitgleichungsanzeige und – man ahnt es – ein natürlich nicht von vorne sichtbarer Tourbillonmechanismus. Die Panerai L’Astronomo zu tragen, ist ein diskreter, aber echter Luxus: Der Verkaufspreis beträgt 216  000 Franken.