Eigentlich war zum Start der Töff-Saison 2020 alles perfekt angerichtet. Über 65'000 Besucherinnen und Besucher genossen anlässlich der Swiss-Moto Ende Februar 2020 in Zürich den hautnahen Kontakt zu den neusten Töff- und Rollermodellen. Doch dann, Mitte März, fiel der Hammer – Lockdown! Die Töff-Verkaufslokale mussten für sieben Wochen schliessen.

Ende April 2020, im für die Branche wichtigsten Monat, lagen die Verkaufszahlen 20 Prozent im Minus. Danach passierte jedoch das, was selbst die zuversichtlichsten Optimisten nicht erwartet hatten: Die Neuimmatrikulationen explodierten. Zwei Monate später war der Rückstand zum Vorjahr bereits wettgemacht. Nach dem dritten Quartal verzeichnete die Branche Ende September mit 26'868 verkauften Töff das beste Resultat aller Zeiten.

Umstieg aufs Motorrad statt ÖV

Die Gründe für den rasanten Aufwärtstrend sind zahlreich. Nach dem globalen Lockdown bestand ein starker Nachholbedarf. Von Kurzarbeit Betroffene profitierten von mehr Freizeit, was viele zum Kauf eines Motorrades bewogen haben dürfte. Aus Angst, mit dem Coronavirus angesteckt zu werden, verzichteten zudem manche Pendlerinnen und Pendler vermehrt auf die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Insbesondere im urbanen Bereich gewann das Motorrad dadurch enorm an Bedeutung und Beliebtheit.

Grossen Anteil am Erfolg hat zudem der ab nächstem Jahr wegfallende Direkteinstieg in die unlimitierte Klasse A: Nur noch bis Ende 2020 dürfen über 25-Jährige direkt auf ein grosses Motorrad mit unbeschränkter Leistung steigen. Ab dem 1. Januar 2021 findet der Zugang zu dieser Klasse stufenweise statt. Der aktuell noch mögliche Direkteinstieg wurde mit der Beantragung des entsprechenden Lernfahrausweises sowie dem Kauf eines neuen Motorrades deshalb rege genutzt.

Nach dem Lockdown-Schrecken sind die Verantwortlichen der Importeure erleichtert und erfreut über das Rekordergebnis. «Es mag vielleicht etwas voreingenommen klingen, doch wir haben derzeit einfach die besten Bikes und die besten Preise», erklärt Freddy Oswald, Geschäftsführer des Kawasaki-Importeurs Fibag in Härkingen, die Verkaufserfolge. 3886 Töff haben die «Grünen» bisher verkauft – das sind über 70 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. «Alle Modelle waren zum Saisonstart ab Lager lieferbar. Später konnten wir auf Kontingente anderer Länder zugreifen und so permanent eine lückenlose Verfügbarkeit sicherstellen.»

Ähnlich kommentiert Vincent Mentha, Geschäftsführer des Yamaha-Importeurs Hostettler aus Sursee, den Verlauf der Saison: «Der Booster-Effekt an der Verkaufsfront hat uns alle überrascht. Durch die hohe Verfügbarkeit ab Lager in der Schweiz konnten wir Engpässe, welche durch die Lockdown-Schliessung des Yamaha-Werks in Frankreich entstanden waren, rechtzeitig abfedern. Dennoch dürfte es nun zum Saisonende mit einzelnen sehr beliebten Modellen eng werden.»

Mit über 30 Prozent plus konnte auch KTM klar über dem Marktdurchschnitt zulegen. Entsprechend erfreut äussert sich Geschäftsführer Chris Attiger in Frauenfeld: «Ganz besonders beliebt ist derzeit die Duke 390 – ein Modell, das Töffinteressentinnen und -interessenten jeden Alters anspricht und vor allem auch für den individuellen Agglomerationsverkehr gerne genutzt wird. Viele haben sich zudem für das grosse Schwestermodell Duke 790 entschieden und damit die letzte Chance für den Direkteinstieg genutzt.»

BMW und Harley verlieren

Weniger gut ist die Saison bisher für BMW Schweiz in Dielsdorf gelaufen, wobei der Kommunikationsverantwortliche Sandro Kälin mit dem Resultat dennoch zufrieden ist: «Durch die Schliessung des Werks in Berlin gab es bezüglich Verfügbarkeit einzelner Modelle leider kurzzeitig einige Engpässe. Jetzt läuft jedoch alles wieder normal. Der grosse Rückstand zu Beginn der Saison ist nun nahezu aufgeholt und bis Ende Jahr ausgeglichen.»

Seit fünf Jahren muss Harley-Davidson rückläufige Verkaufszahlen hinnehmen. In der aktuellen Saison sind es bis Ende September erneut minus 6,68 Prozent. Die einst so beliebte US-Marke befindet sich seit geraumer Zeit in einer schwierigen Konsolidierungsphase. «Das Unternehmen wird umstrukturiert. Die Modellpalette wird gestrafft, es wird weniger produziert und die Marke wird wieder exklusiver», erklärt Iwan Steiner, Geschäftsführer von Harley-Davidson Switzerland in Zürich, die aktuelle Situation.

Die Corona-Krise hat die Motorradbranche beflügelt. Statt der anfänglich befürchteten Einbrüche hat der Markt bisher um über 20 Prozent zugelegt. Bis Ende Jahr, und diese Prognose ist wenige Tage vor Jahresschluss keineswegs gewagt, werden voraussichtlich rund 29'000 neue Motorräder verkauft. Das wären dann so viele wie nie zuvor in der Schweizer Töff-Geschichte.

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