Wir müssen die halbe Volkswirtschaft umbauen, davon ist Soziologe Dirk Helbing überzeugt. So gross und weitreichend seien die Herausforderungen für die Digitalisierung, sagt er an der Tagung «Zukunft der Arbeit» vom Gottlieb Duttweiler Institut (GDI). Helbing ist sich mit seinen Mitdiskutanten einig: In Zukunft werden wir nicht nur ganz neue Jobprofile erfüllen müssen, praktisch kein Lebens- und Wirtschaftsbereich ist sicher vor Veränderungen.

Eine Studie von Deloitte unterstützt diese Zukunftsvision. Durch die Automatisierung sieht diese in der Schweiz in den nächsten 20 Jahren jeden zweiten Job in Gefahr. Besonders gut ersetzbar und damit gefährdet sind Tätigkeiten, die sich wiederholen und vereinheitlichen lassen – also überall da, wo Routine mit dabei ist. Anders als früher sind so auch gut qualifizierte Arbeiter, Steuerberater etwa, nicht vor Verdrängung durch Roboter sicher.

Was der Computer (noch) nicht kann

Damit wir in Zukunft noch Arbeit haben, muss sich die Einstellung der Menschen an die neuen Verhältnisse anpassen. Tugenden wie Fleiss und Gehorsam würden schon bald nicht mehr gefragt sein, meint Daniel Häni, Unternehmer und Mitinitiant der Schweizer Volksinitiative. Diese würden von Kreativität und Eigeninitiative abgelöst – beides Fähigkeiten, die den Menschen noch vom Computer unterscheiden. Wobei Soziologe Helbing sogar die Kreativität als Unterscheidungsmerkmal schwinden sieht. Der Sieg der Google-Software AlphaGo gegen den weltbesten Go-Spieler im März zeige, dass auch Computer kreativ sein können.

Bereits Kinder sollten in der Schule das Programmieren lernen und generell müsse das Lernen in Zukunft personalisiert werden. Gleichzeitig werde aber Zusammenarbeit, die soziale Kooperation, an Bedeutung gewinnen, so die Ansicht des Soziologen. Doodle-Mitbegründer Myke Näf wünscht eine Entwicklung zu «running with the machines», was bedeuten würde, dass in der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine das Optimum herausgeholt wird. Überhaupt müsse sich die Gesellschaft von der Hollywood-Idee des «Kampfs von Mensch gegen Maschine» verabschieden, unterstreicht GDI-CEO David Bosshart in seiner Einleitung zur Veranstaltung.

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Einen positiven Nebeneffekt sehen US-Investor Albert Wenger und Soziologe Helbing im Zusammenhang mit der zweiten grossen Herausforderung unserer Zeit – dem Klimawandel. Die Automatisierung im Bereich Arbeit wird Kapazitäten frei werden lassen – Angestellte werden überflüssig – diese könnten dann für den Kampf gegen die Klimaerwärmung eingesetzt werden.

Arbeitslosengeld der Zukunft

Für diejenigen, die noch Arbeit haben, wird sich oft das Angestelltenverhältnis grundsätzlich ändern. Hier besteht ein Anknüpfungspunkt zum aktuell viel diskutierten bedingungslosen Grundeinkommen. Ökonom Armin Steuernagel stellt die Arbeit und die Sozialsysteme in einen historischen Kontext und kommt zum Schluss, dass das garantierte Grundeinkommen bald für eine neue Form der Arbeit das passende Sicherheitsnetz sein könnte.

Der Arbeiter der Zukunft werde nicht mehr unbedingt festangestellt sein und im Sonderfall der Arbeitslosigkeit Hilfe beantragen müssen, der Wechsel zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit werde viel fliessender und häufiger anstehen. Allein praktische Gründe sprechen laut dieser Argumentation gegen das Fortbestehen der bürokratisch aufwändigen Arbeitslosenkasse.

Anpassen an eine neue Wirklichkeit

Dazu sei es heute bereits für Gewerkschaften und national ausgelegtes Arbeitsrecht schwierig, sich für die Interessen der Arbeitnehmenden einzusetzen. Das bedingungslose Grundeinkommen statte diese mit einer «walking-away»-Option aus, Arbeitnehmende könnten damit gegen schlechte Arbeitsbedingungen protestieren. Aus dieser Perspektive ist das bedingungslose Grundeinkommen weniger eine revolutionäre Selbstverwirklichungsidee, denn eine notwendige Anpassung an die Gegebenheiten der Arbeitswelt.

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Im Silicon Valley wird zudem erhofft, dass ein gesichertes Grundeinkommen das Unternehmertum fördere. Weder diese noch die obige Argumentation findet in der Schweiz gegenwärtig viele Anhänger. Gemäss der Trendumfrage von gfs.bern/SRG werden 72 Prozent der Abstimmenden im Juni ein Nein in die Urne legen. Den Gegnern der Umfrage macht besonders die ungeklärte Finanzierung des Grundeinkommens Sorge. Weiter befürchten sie, dass die Schweiz für Ausländer so noch attraktiver werden könnte. Eine lebhafte Diskussion hat die Initiative aber auf alle Fälle angestossen.