Altrocker Johnny Hallyday gehört zu Frankreich wie der Eiffelturm oder das Baguette. Während die Rock-Ikone mehr als 100 Millionen Platten verkaufte, war er vielen Franzosen peinlich, mit seiner Selbstdarstellung und seinem Jugendwahn. Nun ist das Urgestein im Alter von 74 Jahren gestorben.

Die Franzosen liebten ihn. Und wer liebt, verzeiht: Steuerflucht, Alkohol, Drogen. Hallyday wurde während drei Generationen von Franzosen angehimmelt und gefeiert. Schweissüberströmt mit Goldkettchen, Sonnenbrille und Gitarre hatte er den Rock auf Französisch interpretiert. Seine Mega-Stadion-Konzerte sind legendär.

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Ausflüge ins Deutsche

Hallyday war ein Phänomen. Auf der Liste der Musikikonen steht er ganz oben, gleich neben Edith Piaf. «Noir c'est noir» (Schwarz ist Schwarz), «Cheveux longs idées courtes» (Lange Haare, kurze Ideen), «Ma gueule» (Meine Fresse) – so heissen einige von Hallydays bekanntesten Songs.

Seine Ausflüge in die deutsche Sprache wie «Ja der Elefant» von 1961 und «Lass die Leute doch reden» von 1965 sind dagegen in Vergessenheit geraten. In dieser Zeit absolvierte er seinen Militärdienst in einer französischen Kaserne im badischen Offenburg.

Bis fast zuletzt auf Tour

Hallyday liebte es bombastisch: Seine aufwändigen Konzerte mit spektakulären Bühnen, Riesenleinwänden und Feuerwerk waren spektakulär. Noch in diesem Sommer tourte er mit den beiden anderen Chanson-Grössen Jacques Dutronc und Eddy Mitchell unter dem Titel «Vieille Canailles» (Alte Halunken) durch Frankreich, Belgien und die Schweiz. In diesen französischsprachigen Ländern hatte Hallyday die meisten Fans.

Geboren wurde er am 15. Juni 1943 als Jean-Philippe Smet in Paris als Sohn eines belgischen Varieté-Künstlers und eines französischen Models. Der Vater verliess die Familie, als Hallyday acht Monate alt war. Nach der Trennung seiner Eltern kümmerte sich eine Tante um den Jungen. Er interessierte sich früh für den aus den USA kommenden Rock'n'Roll und trat mit Elvis-Presley-Songs auf.

Frankreichs Elvis Presley

Mit erst 17 Jahren war Johnny Hallyday einer der ersten, der Rock'n'Roll in Frankreich bekannt machte. Im Jahr 1960 brachte Hallyday seine erste Platte mit dem Dalida-Cover «T'aimer follement» auf den Markt. Drei Jahre später spielte er bei einem Freiluftkonzert in Paris vor 150'000 Zuhörern. Für Frankreichs Jugend stieg er zum Idol auf; im konservativen Frankreich der De-Gaulle-Ära verkörperte er den wilden Rock'n'Roll.

Hallyday war in Frankreich, was in Amerika in den 70er Jahren die Beatles und Presley: Die Verkörperung eines neuen Lebensgefühls, des Drangs nach Freiheit. Hallyday hat sich wie ein Chamäleon den verschiedenen Trends angepasst und sie in seine Musik integriert: Dem Rock'n Roll folgten Country, Psychedelisches, Techno oder Hip-Hop.

50 Studio-Alben und rund 180 Tourneen

Er arbeitete mit grossen Pop-Stars wie Jon Bon Jovi und Patrick Bruel zusammen. Mit Songs wie «Quelque chose de Tennessee», «Oh, ma jolie Sarah» oder «Je t'aime» schwankt er zwischen Joe Cocker, Elvis Presley und Georges Brassens.

Fast 50 Studio-Alben nahm der Sänger im Laufe seiner Karriere auf, rund 40 seiner Platten wurden mit Gold ausgezeichnet. Er absolvierte rund 180 Tourneen und spielte auch in mehreren Kinofilmen mit.

Chalet in Gstaad

Hallydays hagerem Gesicht waren die Exzesse seines Lebens anzusehen. Er habe «alles ausprobiert», sagte Hallyday einmal. Vier Ehefrauen und zahllose Affären hatte er. Seit 1996 war er dann mit der rund 30 Jahre jüngeren Laeticia verheiratet.

Mit mehr als 100 Millionen Alben hat sich der Rocker ein Vermögen ersungen. Während die Franzosen ihm seine Exzesse weitgehend nachsahen, verprellte Hallyday viele mit seiner Steuerflucht. Im Jahr 2006 versuchte er die belgische Staatsbürgerschaft zu bekommen, um Steuern zu sparen.
Als das nicht klappte, verlegte er seinen Wohnsitz nach Gstaad BE - vorübergehend. 2013 verlegte Hallyday seinen Wohnsitz in die USA, kehrte aber für Festtage mit seiner Familie ins Berner Oberland zurück.

In diesem Chalet in Gstaad wohnte Johnny Hallyday

Gstaad: In diesem Chalet wohnte Johnny Hallyday zeitweise.

Quelle: Keystone

2015 schrieb er sein Chalet für knapp zehn Millionen Franken zum Verkauf aus. Einen weiteren Wohnsitz hatte er auf der Antillen-Insel Saint-Barthélémy.

Lange Krankengeschichte

Mehrere Scheidungen, Selbstmordversuch, Alkohol- und Drogenprobleme, Vorwurf der Vergewaltigung: Seine Beliebtheit hat dennoch nie Schaden genommen. Er veröffentlichte gar eine Autobiografie, in der er mit dem Pop-Business und alten Freunden abrechnet.

In den vergangenen Jahren sorgte der Rocker vor allem mit Gesundheitsproblemen für Schlagzeilen. Im Jahr 2009 überstand er einen Darmkrebs und ein künstliches Koma, in das er nach einer Bandscheiben-Operation versetzt werden musste. Nun ist er einem Lungenkrebs erlegen.

(sda/jfr)