Die Gesundheitskosten sind ein Hauptärgernis für die Bevölkerung. Im März ist eine Erhöhung der Mindestfranchise gescheitert, wofür die Krankenkassen und auch Sie plädiert hatten. Stecken wir in der Sackgasse?
Stephan Wirz: Es ist ein emotionales Thema, was eine Lösung schwierig macht. Aber für mich ist klar, dass die minimale Franchise steigen muss. Die 300 Franken wurden schon lange nicht mehr angepasst und sind zu wenig. 100 oder 200 Franken mehr wären sinnvoll.

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Das ist doch politisch chancenlos.
Es bleibt uns nichts anderes übrig, denn eine moderate Erhöhung der minimalen Franchise ist ein verhältnismässig kleiner Eingriff im Vergleich zu einer  Einheitskrankenkasse. Natürlich will der Bürger nicht mehr bezahlen, aber die Gesundheitskosten werden steigen, schon rein demographisch. Wir werden älter und wir werden nicht gesund älter. Dazu kommt die technologische Entwicklung. Jemand muss dafür bezahlen, das ist klar.

Was halten Sie vom Vorschlag von CSS-Chefin Philomena Colatrella, die tiefste Franchise auf 10'000 Franken zu erhöhen?
Ich denke, sie wollte damit eine Diskussion anregen und Reaktionen provozieren. Denn man muss tatsächlich darüber sprechen, ob und in welchem Umfang der Kunde sich an den Kosten beteiligen muss.
 
Doch bedeuten höhere Franchisen nicht einfach eine Umlagerung der Kosten, zum Beispiel auf Ergänzungsleistungen und Sozialhilfe? Schliesslich wird die niedrigste Franchise oft von älteren und kranken Menschen gewählt.
Das stimmt nur teilweise. Auch die im Gegenzug höheren Prämienkosten werden heute teilweise von den Ergänzungsleistungen und der Sozialhilfe getragen. Nicht alle mit der niedrigsten Franchise könnten zudem eine höhere Rechnung nicht bezahlen. Und man muss auch an alle anderen Kunden denken. Es braucht mehr Eigenverantwortung, die Leute müssen überlegen, ob ein Arztbesuch wirklich nötig ist. Ausserdem ist es sinnvoller, versteckte Kostenfallen zu beseitigen. Zum Beispiel den Transport, der heute auf maximal 500 Franken beschränkt ist, oder die Rettung (maximal 5000 Franken). Die Krankenkasse gibt es nicht in erster Linie für Bagatellfälle, sondern als Absicherung gegen grosse finanzielle Risiken.

Stephan Wirz

Der Sozialversicherungsfachmann und Finanzplaner Stephan Wirz ist Mitglied der Unternehmensleitung der Maklerzentrum Schweiz AG. Die Firma erarbeitet Versicherungslösungen für Privat- und Geschäftskunden.

Gehen die Schweizer zu oft zum Arzt?
Das kann ich so nicht bestätigen. Ich kenne die Zahlen aus anderen Ländern nicht. Was ich aber feststelle: Sehr viele Arztbesuche werden bei uns für Kleinigkeiten gemacht. Nehmen wir beispielsweise das Arztzeugnis. Der Doktor hört mich ab, misst Fieber und stellt ein paar Fragen und schon habe ich Kosten von 100 Franken verursacht. So etwas müsste einfach telefonisch gehen. Das Zeugnis kriege ich in der Regel sowieso.
 
Bisher haben wir nur über die Kunden gesprochen. Müsste man nicht bei den Spitälern, Ärzten und den Medikamentenpreisen ansetzen? Wahre Kostentreiber finden sich doch hier.
Es ist ein Mix, das ist klar. Gerade deshalb ist die Polemik um die Krankenkassenprämien und Wechsel nicht berechtigt. Die Verwaltungskosten der Kassen explodieren nicht, im Gegenteil. Doch auch wenn, abgesehen von der Demographie, der Hauptgrund für die steigenden Kosten bei der Pharmaindustrie oder den Spitalkosten liegt, müssen die Versicherten stärker in die Pflicht genommen werden. Wenn der Kunde nicht seine Rechnungen kontrolliert, wer dann sonst?
 
In der Schweiz sind Medikamente viel teurer als im Ausland, dennoch können wir nicht über die Grenze gehen und uns ein günstiges Präparat kaufen. Das ist doch ein Problem.
Im Moment ist es nur mit der Grundversicherung tatsächlich nicht möglich, sein Medikament im Ausland zu kaufen oder die Arztbehandlung freiwillig im Ausland zu machen. Das müsste man sicher prüfen. Das entspricht auch meiner Haltung, es geht immer um die Eigenverantwortung der Versicherten.
 
Wegen der steigenden Prämien und der jährlichen Jagd nach neuen Kunden durch die Krankenkassen und Makler hat Ihre Branche einen schlechten Ruf. Was tun Sie dagegen?
Das Kind wird mit dem Bad ausgeschüttet. Die Leute machen die Vermittlerbranche für die Kostenexplosion verantwortlich, obwohl wir darauf überhaupt keinen Einfluss haben. Im Gegenteil, dank uns sind die Krankenkassen gezwungen, attraktive Prämien und guten Service anzubieten. Viele Schweizer würden ohne Beratung weniger Anpassungen in ihrer Krankenversicherung vornehmen.
 
Geht es nicht auch um die unangenehmen Anrufe und schlechte Beratung?

Es wurde in der Vergangenheit verpasst, Beratungsstandards zu definieren. Noch heute kann rechtlich gesehen jeder ohne anerkannte Ausbildung in der Versicherungsbranche beraten. Deshalb müssen die im Grundsatz bestehenden Standards endlich als verbindlich erklärt werden. Die Versicherungsbranche ist seit einiger Zeit im Sinne einer Selbstregulierung dabei, diese Standards immer mehr durchzusetzen.
 
Allerdings fühlen sich viele Kunden reingelegt, wenn sie merken, dass ihnen gar nicht die billigste Lösung angeboten wurde. So entsteht der Verdacht, dass nur die Kassen mit den höchsten Provisionen angeboten werden.
Wir bieten unseren Kunden auch nicht grundsätzlich die billigste Lösung an. Es gibt zum Teil sehr restriktive Modelle, die nicht für alle Kunden geeignet sind. Aber die Provisionen sind für uns sekundär, so lange sie angemessen sind. Bei allem, was sich in einer gewissen Bandbreite befindet, wird der Vermittler kaum auf unterschiedliche Provisionen achten.