In seinen ersten 100 Tagen im Amt hat der philippinische Präsident Rodrigo Duterte bereits mächtig Eindruck hinterlassen. Mit einem brutalen Anti-Drogen-Krieg in dem südostasiatischen Land, Streit mit engsten Verbündeten und oft irritierenden Verbalausfällen gilt der 71-Jährige schon jetzt als Enfant terrible der internationalen Politik. Die Vereinten Nationen nannte er «dämlich», sandte ein «fickt euch» in Richtung Europäische Union und nannte US-Präsident Barack Obama einen «Hurensohn», der «zur Hölle fahren» solle.

Und das war erst der Anfang seiner sechsjährigen Amtszeit. Der Staatschef des armen Inselstaates droht, sowohl die Beziehungen zu den USA als auch zur Uno abzubrechen und kündigt an, verstärkt auf Partner wie China, Russland und Nahost-Staaten setzen zu wollen.

Analysten zufolge riskiert er damit, wichtige Wirtschaftspartner abzuschrecken. In den USA und anderswo würden private Investoren bereits nervös mit Blick auf die Philippinen, sagt der Präsident des Stratbase-ADR Instituts in Manila, Dindo Manhit. «Die US-Wirtschaft ist für die Philippinen die grösste Quelle für privates Investment und ihr zweitgrösster Markt nach Japan

Keine Lust auf Belehrungen

Bei seinen asiatischen Amtskollegen traf Duterte bei seinem ersten internationalen Auftritt auf einer Regionalkonferenz in Laos im September auf viel Sympathie. Spürbar kühler ist die Stimmung bei westlichen Regierungschefs. Bisheriger Tiefpunkt war Obamas Absage eines Treffens, nachdem Duterte ihm mit Verwünschungen für den Fall gedroht hatte, dass Obama das Thema Menschenrechte ansprechen sollte.

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«Die Botschaft war deutlich: Die neue Regierung der Philippinen hat keine Lust auf Kritik vom Westen, besonders nicht an der Menschenrechts-Front», sagt der Politikwissenschaftler Richard Heydarian. Dafür sei das Land bereit, seine Nachbarn für Lösungen bei Sicherheits- und Wirtschaftsanliegen ins Boot zu holen, so der Professor der De-La-Salle-Universität in Manila. «Damit signalisierte Duterte seine Unabhängigkeit als asiatischer Regierungschef.»

Selbstvergleich mit Hitler

Mit Obamas Kritik an Dutertes aggressivem Anti-Drogen-Krieg ist die Kluft zwischen den USA und den Philippinen weiter aufgerissen. Dazu kam Dutertes bizarrer Vergleich von Drogensüchtigen und Holocaust-Opfern, als er sagte: «Hitler hat drei Millionen Juden massakriert. Nun, es gibt (hier) drei Millionen Drogenabhängige. Ich würde sie gerne abschlachten.» Dafür regnete es international Empörung, nicht zuletzt vom Jüdischen Weltkongress.

Der Kampf gegen Drogenmissbrauch und Rauschgifthändler ist zum Kernthema seiner ersten 100 Amtstage geworden. Seine Kampagne werde andauern, «bis der letzte Dealer von der Strasse geholt ist», schwor der ehemalige Bürgermeister von Davao.

Menschenrechtler schlagen Alarm

Dutertes brutales Vorgehen hat Menschenrechtler alarmiert: Von Anfang Juli bis Ende September wurden 1247 Menschen bei Polizeiaktionen getötet, es gebe 1721 weitere ungeklärte Fälle solcher aussergerichtlichen Tötungen.

Auch der Bevölkerung ist das nicht ganz geheuer. «Es ist gut, dass sie die Süchtigen und die Dealer verfolgen», sagt eine 32 Jahre alte Grabpflegerin in Manila. «Aber manchmal habe ich Angst, dass jemand, den ich kenne, am Ende in diesem Krieg sterben könnte.» Allerdings sei Duterte der Einzige, dem sie zutraue, die Korruption in der Regierung und die Kriminalität im Land zu bekämpfen.

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«Schwenk hin zu autoritärer Barbarei»

Genau das gibt der Sozial-Anthropologin Melba Padilla Maggay zu denken. Dutertes starker Wille sei ein «wirklich alarmierender Schwenk hin zu autoritärer Barbarei», sagt die Direktorin des ISACC-Instituts. Duterte nutze den gesamten Machtapparat, «formell wie informell», um seine Feinde aus dem Weg zu räumen.

Als Beispiel führt sie die Schmutzkampagne an, die gegen die Senatorin Leila De Lima gefahren wurde, nachdem diese Ermittlungen zu den Tötungen in Dutertes Anti-Drogen-Kampf angestossen hatte.

Viele Philippiner stünden aber hinter Duterte, weil sie seine Wut gegen die Institutionen und Frust über die Eliten des Landes teilten. Duterte fördere damit beim Volk das Schlimmste zutage, so Maggay. Subtil würden gesellschaftliche Werte verworfen. «Der Bürgersinn dafür, was anständig, gerecht und akzeptabel ist, zerfällt.»

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(sda/gku)