Der starke Franken, die Wahlen, die Flüchtlinge: Den 1.-Mai-Rednern fehlte es am diesjährigen Tag der Arbeit nicht an Themen - und auch nicht an Zuhörern. Trotz Dauerregen feierten Tausende den 125. ersten Mai. Überschattet wurde er vom Tod eines engagierten Gewerkschafters.

André Daguet war einer der Gründerväter der Gewerkschaft Unia und bis 2011 SP-Nationalrat (BE). Daguet starb ausgerechnet in der Nacht auf den 1. Mai an einer schweren Muskelkrankheit, wie die Gewerkschaft Unia am Freitag mitteilte. Er wäre am kommenden 1. Juni 68-jährig geworden.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

An den 1.-Mai-Feiern prägten neben den üblichen Transparenten und Fahnen Regenschirme und Pelerinen das Bild. Einige Leute blieben wegen des strömenden Regens zwar zuhause, allerdings nicht enorm viele: In Zürich nahmen rund 10'000 Personen am Umzug teil, wie die Organisatoren und die Polizei übereinstimmend meldeten. Im letzten Jahr waren es 14'000 gewesen.

Der offizielle Teil des 1.-Mai-Anlasses verlief in Zürich friedlich. An der üblichen Nachdemo der Linksautonomen umstellte die Polizei den Helvetiaplatz, damit die grösstenteils vermummten Demonstranten nicht in die umliegenden Strassen gelangen konnten.

In Basel gingen etwa 1300 Personen auf die Strasse. In Bern waren es nur rund 500. Insgesamt fanden gemäss einer Liste des Gewerkschaftsbundes schweizweit an die 60 1.-Mai-Feiern statt.

Für die Gewerkschafter ist der 1. Mai der wichtigste Tag des Jahres, für FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen (BE) bräuchte es ihn nicht. «Schweiz, Land der Chancen: liberaler Arbeitsmarkt und duale Bildung. Der 1. Mai hat ausgedient», twitterte Wasserfallen - was er schon letztes Jahr in ähnlicher Form tat.

Ganz anders klang es bei den Gewerkschaftern: Es fehlte ihnen auch in diesem Jahr nicht an Themen. Vor allem der starke Franken stand im Mittelpunkt vieler 1.-Mai-Reden. SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini (BE) sagte in seiner Rede auf dem Bundesplatz in Bern, durch den Nationalbank-Entscheid würden fahrlässig ganze Wirtschaftszweige demontiert.

Giorgio Tuti, Präsident der Eisenbahnergewerkschaft SEV, blies ins gleiche Horn: Die Schweiz sei ein Land mit einer eigenen Währung. Es sei unglaublich, dass die Nationalbank dies nicht zu Gunsten, sondern zur Schwächung des Landes einsetze, sagte er in seiner Rede.

«Politische Profiteure» des starken Frankens

Paul Rechsteiner, SP-Ständerat (SG) und Präsident des Gewerkschaftsbundes, kritisierte die «politischen Profiteure» des starken Frankens: «Jene, die den überbewerteten Franken politisch instrumentalisieren, die glauben, jetzt endlich ein antisoziales Programm durchsetzen zu können, das sonst nie möglich wäre.»

Die «Millionen-Abzocker» wollten die Gunst der Stunde nutzen, sagte Vania Alleva, Co-Präsidentin der Gewerkschaft Unia, bei ihren Ansprachen in Basel und Dietikon: «Krise, Arbeitslosigkeit, Angst - das kommt ihnen grade Recht, um ihre sogenannten Reformen durchzudrücken.»

Wahlkampftrommel geschlagen

Neben der Schelte für die Nationalbank schlugen manche Gewerkschafter und verschiedene Politiker die Wahlkampftrommel: Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen, und der Gewerkschafter Pardini bezeichneten die nationalen Wahlen vom 18. Oktober als eine Richtungswahl. Rytz rief die Zuhörer zum Gang an die Urne auf.

Wie ein Hilferuf wirkt Tutis Äusserung: «Weshalb nur gibt es normal verdienende Arbeitnehmende, die lieber Milliardäre von der Goldküste wählen und dann auch noch meinen, sie würden von diesen vertreten?», fragte er.

Mehrere Redner riefen ausserdem zu Solidarität mit den Flüchtlingen auf, so etwa SP-Präsident Christian Levrat: «Was auf dem Mittelmeer passiert, ist unerträglich. Und wir sind mitverantwortlich, denn mit den Verträgen von Schengen und Dublin endet die Verantwortung der Schweiz nicht in Chiasso, sondern in Lampedusa.»

(sda/chb)