Befürworter wie Gegner der 1:12-Initiative buhlen um kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in der Schweiz. Sie versuchen aus der hohen Glaubwürdigkeit der Firmen politisches Kapital zu schlagen.

Trotz Sympathien bekennen sich nur wenige KMU offen zum Lohndeckel. Ein neues KMU-Komitee möchte dies nun ändern. Kleine und mittlere Unternehmen sind das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft: 99,7 Prozent aller Betriebe zählen hierzulande laut dem Bundesamt für Statistik zu dieser Gruppe. Und fast zwei Drittel aller Beschäftigten verdienen ihren Lohn bei einer der knapp 312'000 Firmen.

Lange Zeit schien klar, dass sich die Unternehmer geschlossen gegen die Initiative stellen würden. Sie verlangt, dass der höchste Lohn in einer Firma nicht mehr als 12-mal grösser sein darf als der niedrigste.

Front bröckelt

Nun zeigt aber die Front erste Risse: Rund 100 Firmen haben ein Komitee gegründet, um für das linke Anliegen zu weibeln. Auf der Liste finden sich mehrheitlich Besitzer kleinerer Betriebe, aber auch Firmen wie etwa die Beratungsfirma fairness at work mit 280 Beschäftigten. «Ich habe keine plausible Erklärung, warum jemand mehr als das Zwölffache seiner Mitarbeiter verdienen sollte», erklärt Mitinhaberin Pia Tschannen gegenüber der Nachrichtenagentur sda ihr Engagement. Die Lohnspanne im Berner Unternehmen beträgt 1:3,5.

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Nicht überrascht vom linken Engagement ist Politologe Laurent Bernhard von der Universität Zürich. Bereits bei der Unternehmenssteuerreform 2008 habe die SP Firmen in die Kampagne eingespannt.

Harzige Suche nach Mitgliedern

Auf der gegnerischen Seite zieht der Gewerbeverband sgv die Fäden. Er hat aus dem Debakel der Abzocker-Initiative Lehren gezogen: Die 1:12-Initiative werde nicht an Plakatwänden oder mit Inseraten gewonnen, schreibt der Verband. Es brauche verantwortungsvolle Unternehmer, die mit hoher Glaubwürdigkeit aufträten.

Herzstück ist der «1000er Club verantwortungsvoller Unternehmer», dem bislang 600 Firmen beigetreten sind. Das KMU-Netzwerk soll die Vorlage in ihren Betrieben, an den Stammtischen und in ihrem Umfeld wirksam bekämpfen. Bereits haben KMU öffentlich gegen die 1:12-Initiative Stellung bezogen.

Die Suche verläuft indes harzig. In einem Schreiben von August an die Mitglieder bedauert der kantonale Gewerbeverband Zürich, dass «nur sehr wenige Anmeldungen» eingegangen seien. Das Dilemma bringt der Verband selbst auf den Punkt: «Mit Ihrer Mitgliedschaft signalisieren Sie keineswegs, dass in Ihrem Unternehmen eine Lohnspanne herrscht, die grösser als 1:12 ist.» Man habe unterdessen zahlreiche Anmeldungen aus Zürich erhalten, versichert der sgv auf Anfrage. Konkrete Zahlen wollte er jedoch nicht nennen.

Auswirkungen auf Wirtschaft unklar

Die Sympathie für die Initiative kommt nicht von ungefähr. Die Wut an den Millionensalären ist nicht nur bei linken Unternehmerinnen wie Tschannen gross. Politologe Bernhard glaubt aber, dass es letztlich bei der Sympathie bleibt. «Es wird sich die Ansicht durchsetzen, dass die Lohnregulierung keine staatliche Aufgabe sein kann.»

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Die potenziellen Folgen für die Schweizer Wirtschaft hängen dabei wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Unternehmer. Der Gewerbeverband sieht das «Erfolgsmodell Schweiz» und die KMU gefährdet, Befürworter sprechen von «reiner Angstmacherei». Allerdings fehlen verlässliche Zahlen. Selbst der Bundesrat hat darauf verzichtet, mögliche Szenarien zu berechnen.

Verzahnung als Erfolgsmodell

Ob als Zulieferer oder Erbringer von Dienstleistungen: KMU sind auf vielfältige Weise mit Grosskonzernen verknüpft. Dennoch gebe es keine Studien zu diesem Thema, erklärt Professor Urs Fueglistaller der Universität St. Gallen (HSG) auf Anfrage.

Trotz fehlender Statistik sieht der Leiter des dort ansässigen KMU-Instituts die enge Verzahnung zwischen kleinen und grossen Firmen als Beleg für die wirtschaftliche Attraktivität der Schweiz. «Es wäre blauäugig von KMU zu behaupten, dass sie von der 1:12-Initiative nicht betroffen sind.»

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So überlassen Grosskonzerne laut Fueglistaller die Entwicklung neuer Produkte, die nicht zu ihren Kernkompetenzen zählten, mittleren Unternehmen. Denn diese erwiesen sich oftmals als agiler und schneller. Zu einem ähnlichen Befund kommt eine Studie der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich: Die Kombination eines sehr innovativen KMU-Sektors und einer Vielzahl an multinationalen Firmen sei eine strukturelle Stärke der Schweiz.

(sda/muv/tke)