Bei einem mutmaßlichen US-Luftangriff auf ein Krankenhaus in der afghanischen Stadt Kundus sind mindestens 19 Menschen getötet worden. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, die die Klinik betreibt, teilte am Samstag mit, zu den Opfern zählten zwölf Mitarbeiter, vier erwachsene Patienten und drei Kinder. Mindestens 37 Menschen seien schwer verletzt worden.

«Alle Hinweise deuten gegenwärtig daraufhin, dass das Bombardement von den Streitkräften der internationalen Koalition ausgeführt wurde.» Ein US-Militärsprecher räumte ein, womöglich habe es bei einem Luftangriff «Kollateralschaden» gegeben. UN-Menschenrechtskommissar Said Raad al-Hussein sprach von einem «absolut tragischen, unentschuldbaren und möglicherweise sogar kriminellen» Vorfall. Bei dem Angriff handele es sich eventuell um ein Kriegsverbrechen.

Mehrmals getroffen

Das Krankenhaus sei in der Nacht mehrmals getroffen worden, teilte Ärzte ohne Grenzen mit. Der Angriff sei sogar noch fast eine Stunde lang fortgesetzt worden, nachdem Krankenhausmitarbeiter Militärvertreter der Nato in Kabul und Washington informiert hätten. Die Koordinaten der Einrichtung seien allen Konfliktparteien übermittelt worden, um zu verhindern, dass das Krankenhaus unter Beschuss gerate. Zum Zeitpunkt des Angriffes hielten sich in der Klinik den Angaben nach knapp 200 Patienten und Mitarbeiter auf.

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US-Verteidigungsminister Ash Carter erklärte, der «tragische Vorfall» werde untersucht. Er sagte, das Krankenhaus liege in einem Gebiet, in dem es in den vergangenen Tagen heftige Kämpfe mit den radikal-islamischen Taliban gegeben habe, an denen die USA zur Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte beteiligt gewesen seien. Ein Sprecher der US-Streitkräfte teilte mit, die USA hätten am frühen Morgen mit einem Luftangriff begonnen. «Bei dem Angriff ist es möglicherweise zu einem Kollateralschaden bei einer nahe gelegenen medizinischen Einrichtung gekommen.»

14 Jahre nach Beginn des Krieges in Afghanistan sorgen zivile Opfer von US-Luftangriffen am Hindukusch immer wieder für Streit. So hatte sich der damalige Präsident Hamid Karsai deswegen mit der Regierung in Washington überworfen.

(reuters/chb)

NOCH IMMER GEFECHTE MIT TALIBAN

Die radikalislamischen Taliban hatten Kundus Anfang der Woche eingenommen. Der afghanischen Armee gelang es inzwischen, viele Kämpfer zu vertreiben. Dennoch gibt es noch immer Gefechte, weil sich Extremisten in Häusern verschanzt halten.

Der Fall von Kundus wirft die Frage auf, ob die von Nato-Soldaten ausgebildeten afghanischen Soldaten für Sicherheit im Land sorgen können. Einem Bericht der "Welt am Sonntag" zufolge will die Bundesregierung den Einsatz in Afghanistan um ein Jahr verlängern. Der für 2016 geplante endgültige Abzug sei verfrüht, zitierte das Blatt aus Nato-Kreisen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin erklärte, es gebe noch keine Entscheidung. Die Bundesregierung werde weiter mit den Nato-Partnern beraten.

Die Bundeswehr ist noch mit bis zu 850 Soldaten in Masar-i-Scharif und Kabul zur Ausbildung und Beratung der Afghanen präsent. Bis vor zwei Jahren betrieb sie in Kundus ein großes Feldlager. (Reporter: Hamid Shalizi, Andrew MacAskill, Tom Miles; geschrieben von Thomas Seythal und Stefanie Geiger; redigiert von Christian Rüttger. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter den Telefonnummern +49 69 7565 1312 oder +49 30 2888 5168.)

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