Die Arbeiterschaft feiert heute Freitag mit einem Frei-Tag den Tag der Arbeit. In 20 Kantonen finden laut einer Liste des Gewerkschaftsbundes an die 60 1.-Mai-Feiern statt.

Für einige Protagonisten aus dem linken Lager bedeutet der Tag der Arbeit harte Arbeit hinter den Rednerpulten. Paul Rechsteiner, der Präsident des Gewerkschaftsbunds, hat Auftritte in Romanshorn TG, Chur, Rapperswil SG und Wil SG. Sein Vize, SEV-Präsident Giorgio Tuti, ist für Ansprachen in Zürich und Zofingen AG gebucht. Selbst der grüne Badener Stadtammann Geri Müller steht hinter dem Mikrofon - allerdings nicht als Redner, sondern als Moderator.

Bundesärte sprechen in der Romandie

SP-Bundesrat Alain Berset begibt sich nach Le Noirmont in den Kanton Jura. Seine Parteikollegin Simonetta Sommaruga setzte die Serie ihrer Firmenbesuche bei Micarna in Courtepin FR fort, nachdem sie sich in den Vorjahren jeweils am 1. Mai Betriebe in den Kantonen Bern und Solothurn angeschaut hatte.

Am diesjährigen 1. Mai gehen zudem viele Redner und Rednerinnen mit Blick auf die nationalen Wahlen vom Herbst auf Tuchfühlung mit möglichen Wählerinnen und Wählern. Dies gilt ganz besonders für den SP-Präsidenten Christian Levrat und die Grünen-Co-Präsidentin Regula Rytz, die zugleich für ihre Partei und für ihre Wiederwahl weibeln können.

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Lange Tradition

Der Tag der Arbeit wird dieses Jahr zum 125. Mail gefeiert. Der 1. Mai habe auch heute noch eine Berechtigung, sagt der Berner Wirtschaftshistoriker Urs Anderegg in einem in der SEV-Zeitschrift «Kontakt» veröffentlichten Interview. Er diene der Mobilisierung der Basis und gebe den Linken ein Gemeinschaftsgefühl.

Weltweit gingen vor 125 Jahren erstmals Arbeiter am «Kampftag der Arbeiterbewegung» auf die Strasse. Aufgerufen zu den Demonstrationen für einen Achtstundentag hatte ein Jahr zuvor der internationale Arbeiterkongress in Paris. Auch in der Schweiz protestierten am 1. Mai 1890 Arbeiter für kürzere Arbeitszeiten.

Seither gibt es in der Schweiz, als eines der wenigen Ländern Europas, eine ungebrochene Tradition der 1.-Maifeiern, wie es im «Historischen Lexikon der Schweiz» heisst. Auf Demonstrationen und politische Reden folgte meist ein Fest.

Zu Beginn war die Teilnahme am «Tag der Arbeit» noch mit Risiken behaftet. Weil Maifeiern oft während der Arbeitszeit stattfanden, mussten teilnehmende Arbeiter mit Sanktionen rechnen. Ab Mitte der 1890er Jahre erhielten die Arbeiter aber immer häufiger einen unbezahlten Freitag, um Demonstrationen und Feste besuchen zu können.

Nach 1900 nahmen in den Städten jeweils mehrere Tausend Personen an den Anlässen teil, politische Aspekte gewannen an Bedeutung. Nach dem Landesstreik von 1918 erklärten die Gewerkschaften den 1. Mai 1919 zum Stichtag für die Einführung der 48-Stunden-Woche. Ein Jahr darauf war diese grundsätzlich eingeführt.

Zensur während 2. Weltkrieg

Danach gingen am «Tag der Arbeit» immer weniger Personen auf die Strasse. Während des zweiten Weltkrieges wurden, im Zeichen der Geistigen Landesverteidigung, gar die Parolen zensiert.

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Zur Zeit des Kalten Krieges vermochte der 1. Mai wieder mehr Personen zu mobilisieren, die Anlässe wurden aber zunehmend unpolitisch. Trachtengruppen, bürgerliche Musikvereine und Ehrendamen nahmen daran teil. Neuen Schwung erhielt die Bewegung Mitte der 1960er Jahre, als zunehmend Fremdarbeiter und Mitglieder neuer sozialer Bewegungen an den Anlässen teilnahmen.

(sda/chb)