1. Home
  2. Politik
  3. Abzocker-Initiative: Phantome im Abstimmungskampf

Abzocker-Initiative: Phantome im Abstimmungskampf

«Handelszeitung»-Chefredaktor Beat Balzli.

Thomas Minder steht für den Kampf gegen Mundgeruch und Managersünden. Gegen den Kopf der Abzocker-Initiative wirkt die Gegenseite noch reichlich blutleer. Es fehlen prominente Gesichter, um die Stimmb

Von Beat Balzli
am 16.01.2013

Kosmetikproduzent Thomas Minder hat mit seinem Sortiment aus Wässerchen und Salben vieles gemeinsam. Beide sind natürlich, hoch konzentriert – und enthalten ziemlich herbe Extrakte.

Die Marke Minder steht für den offenen Kampf gegen Mundgeruch und Managersünden. Der Ostschweizer Kleinkrämer amtet als mitunter skurriler Kopf der Abzocker-Initiative. Für seine Überzeugung lehnt er sich aus jedem Fenster, das er findet. Verstecken ist nicht sein Ding.

Selbst dem SVP-Paten Christoph Blocher will er es nun in einem öffentlichen Schlagabtausch zeigen. Eine Schweiz ohne den neuen «Wilhelm Tell», wie ihn Blochers Schwiegersohn Roberto Martullo gerne überhöht, kann sich keiner mehr vorstellen. Die Eidgenossen ordnen kaum ein anderes Gesicht derart klar einer politischen Botschaft zu.

Wirtschaft braucht Prominente, die sich öffentlich einsetzen

Dagegen wirkt die Gegenseite noch reichlich blutleer. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse fährt eine grossangelegte Kampagne gegen Minders Anliegen. Plakate, Inserate und Studien sollen die Stimmbürger vom Gegenvorschlag überzeugen. Doch wo bleibt DAS Gesicht? Wo bleiben die prominenten Wirtschaftsführer und Unternehmensvertreter? Wer stellt sich gar der Herausforderung, als Grossverdiener gegen Minder anzutreten?

Kaum jemand. Immerhin gibt es Leute wie Valentin Vogt. Der Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes und des Verwaltungsrates der Burckhardt Compression Holding AG wagt sich ab und zu aufs Podium. Davon abgesehen führen scheinbar Phantome einen Abstimmungskampf. Oft nimmt man nur die hauseigene Kampagnenleiterin von Economiesuisse wahr – und ihre undankbare Aufgabe, die gekauften Anti-Minder-Meinungen in Internetforen als Betriebsunfall zu deklarieren.

Zugegeben, die direkte Konfrontation mit Minder kann anstrengend sein. Millionensaläre sind der ideale Treibstoff populistischer Debatten. Vertreter rationaler Argumente und differenzierter Betrachtungen geraten da schnell mal unter die Räder. «Die da oben» hatten bei der Basis schon mal mehr Kredit.

Aber soll man sich davon abschrecken lassen? Braucht die Wirtschaft nicht Persönlichkeiten, die sich öffentlich einsetzen? Wo sind die Chefs, die sich mit ihrem Engagement angreif-, aber auch begreifbar machen? Muss die schleichende Entpolitisierung der Teppichetagen nicht ein Ende haben, damit die Entfremdung von der Basis nicht weiterwächst?

Spitze von Economiesuisse muss auch in den Ring

Es kann gut sein, dass eine genügend grosse Kriegskasse, eine gute Organisation, cleveres Netzwerken und klare Argumente ausreichen. So manches spricht dafür. Eine weitere Schwächung des Wirtschaftsstandortes durch starre Regeln wollen die wenigsten. Die Abzocker-Initiative sei eine «globale Skurrilität», meint Wirtschaftsrechtsprofessor Peter V. Kunz, der im Auftrag von Economiesuisse ein Gutachten erstellt hat. Mehrere Forderungen der Initianten wirken im internationalen Vergleich tatsächlich als zu restriktiv.

Neue Exzesse der Elite will zwar niemand, aber Strafbestimmungen und Verbote würden den Standort weiter schwächen. Darum kann nur der flexiblere Gegenvorschlag der richtige Weg sein. Die Botschaft könnte ankommen. Die Unterstützung für Minder schrumpft. In der jüngsten Umfrage des «SonntagsBlicks» sprechen sich 54 Prozent der Schweizer für seine Initiative aus. Vor sechs Monaten lag der Wert noch bei rund 75 Prozent. Die relativ bescheidene Boni-Saison für die Banker dürfte das Anti-Abzocker-Klima zusätzlich dämpfen.

Dennoch darf die Spitze der Economiesuisse im Ring nicht fehlen. In diesen Tagen absolviert der neue Präsident Rudolf Wehrli erste Auftritte. In den nächsten Wochen ist er hoffentlich auf allen Kanälen zu sehen. Dem gelernten Theologen sollte Minders Sendungsbewusstsein ja keine Schwierigkeiten bereiten.  

 

Anzeige