«Handelszeitung Online»: Herr Wermuth, das Schweizer Stimmvolk hat sich deutlich für die «Abzocker-Initiative» ausgesprochen. Wie fällt Ihre Reaktion darauf aus?
Cédric Wermuth: Ehrlich gesagt, bin ich sehr positiv überrascht. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass das Stimmvolk der Schweizer Wirtschaftselite eine solch deutliche Lektion erteilen würde. Darüber hinaus bin ich sehr dankbar, dass sich die Bevölkerung von der Desavouierungs- und Angstmachereikampagne von Economiesuisse nicht einschüchtern liess – und das Abstimmungsresultat zeigt mir nicht zuletzt, dass wir noch genügend Spielraum für die «1:12-Initiative», welche voraussichtlich diesen Herbst zur Abstimmung kommen wird, haben. 

Glauben Sie wirklich, dass die Bevölkerung nach der «Abzocker-Initiative» auch der «1:12-Initiative» zustimmen wird?
Nach dem heutigen Tag, ja!

Wie viel Geld werden Sie in den Abstimmungskampf für ihre Initiative investieren?
Wir sind momentan noch daran, finanzielle Mittel aufzutreiben. Sie können aber davon ausgehen, dass uns ein tiefer sechsstelliger Betrag zur Verfügung stehen wird.   

Mit Annahme der «Abzocker-Initiative» erhalten die Aktionäre in Zukunft die Erlaubnis, der Wirtschaftselite in Sachen Löhne und Management genauer auf die Finger zu schauen. Damit haben auch Sie, Herr Wermuth, ihr Ziel erreicht. Warum halten Sie dann noch nach wie vor an Ihrer Initiative fest? 
Tatsächlich schliesst die «Abzocker-Initiative» die Schlupflöcher gegen Missbräuche. Es wird keine Antritts- oder Abgangsentschädigungen mehr geben, geschweige denn Konkurrenzverbote wie im Fall des abgetretenen Novartis-Präsidenten Daniel Vasella - und das ist gut so. Dieser Umstand ändert aber nichts am vorherrschenden Ungleichgewicht in diesem Land. Während 440'000 Menschen für einen tiefen Lohn arbeiten müssen, hat sich die Zahl der Lohnmillionäre in den letzten 15 Jahren verfünffacht. Die Krankenkassenprämien für den Mittelstand steigen von Jahr zu Jahr. Ein Prozent der Schweizer Bevölkerung besitzt hingegen mehr Vermögen als die restlichen 99 Prozent zusammen. Der Hauptgrund dafür sind die explodierenden Lohnunterschiede. Sie sehen: Es gibt keinen Grund, die «1:12-Initiative» zurückzuziehen. 

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Kommen wir nochmals zur «Abzocker-Initiative» zurück: Die Bevölkerung stört sich insbesondere an den exorbitanten Boni für Investmentbanker. Deshalb hat sie sich für das Volksbegehren ausgesprochen. Tatsache ist jedoch, dass weder die «Abzocker-Initiative» noch der indirekte Gegenvorschlag eine solche Regulierung vorsieht. Werden Sie sich jetzt dafür einsetzen, dass die Umsetzung der Initiative auch eine Bonussteuer beinhalten wird?
Ja. Wir werden auf den Vorschlag des Bundesrats während der Vernehmlassung zur Abzocker-Initiative und dem indirekten Gegenvorschlag zurückkommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das bürgerliche Parlament es sich dann leisten kann, dieser Bonussteuer die Gefolgschaft zu verweigern. 

Wie lange wird die Umsetzung der Initiative dauern? 
Ich denke, 18 Monate sind realistisch. Allerdings möchte ich an dieser Stelle eines klarstellen: Jeden Versuch von Economiesuisse und Wirtschaftselite, die «Abzocker-Initiative» bei der Umsetzung verwässern zu wollen, werden wir mit einem Referendum zu verhindern wissen.