Nach seinem Triumph beim Referendum in Griechenland richten sich nun alle Blicke auf Ministerpräsident Alexis Tsipras. Wird es dem linken Politiker gelingen, die Europartner zu einem vorteilhafteren Abkommen zu bewegen? Oder war es ein Pyrrhussieg, der zum Bankrott des Landes und zum Ausscheiden aus dem Euro führt?

Seit seinem Amtsantritt Ende Januar gibt der 40-jährige Regierungschef seinen Landsleuten und den Europäern Rätsel auf. Die einen halten ihn für einen gewieften Taktiker, der mit der überraschend angesetzten Volksbefragung einen Coup gelandet hat, der letztlich seine Position in den Verhandlungen stärkt. Die anderen aber sehen in ihm einen planlosen Novizen, der sein Land in trübe Gewässer steuert. Mit potentiell katastrophalen Folgen.

Tsipras' Versprechen

Das Referendum ist nicht das erste Mal, bei dem offen bleibt, ob Tsipras tatsächlich einen langfristigen Plan verfolgt. Unbestritten ist aber, dass der jugendlich wirkende Linkspolitiker zu überzeugen weiss. Mit seinem Charme, seinem Lächeln und dem Auftreten eines Volkstribuns führte er seine Syriza-Partei im Januar aus der Opposition zur absoluten Mehrheit.

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Er werde die harte Sparpolitik seiner Vorgänger beenden und die «Würde der Menschen» wiederherstellen, versprach Tsipras. Nach fünf Jahren Kürzungen, Stellenstreichungen und Wirtschaftskrise werde er für eine Erhöhung der Löhne und Renten sorgen und den Verkauf staatlichen Eigentums beenden. Vor allem aber trat er mit seinem scharfzüngigen Finanzminister Gianis Varoufakis gegenüber der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds für den Erlass eines Grossteils der horrenden Schulden des Landes ein. Anders werde die Rezession nicht überwunden werden können, argumentierte er.

Konzilianter als Varoufakis

Während Varoufakis mit seiner scharfen Rhetorik und seinem konfrontativen Stil seine Kollegen vor den Kopf stiess, gab Tsipras sich konzilianter im Ton – wenn auch nicht in der Sache. Als Vorkämpfer für die «nationale Würde» der Griechen gegen das «Spardiktat» der Gläubiger wurde Tsipras nicht nur zum Held vieler Griechen, sondern auch der linken Parteien in Europa.

Daran änderte wenig, dass er fast sechs Monate nach seinem Amtsantritt, von der Wiederöffnung des Staatssenders ERT abgesehen, wenig konkrete Erfolge vorzuweisen hat. Vielmehr war er gezwungen, die Fortsetzung des Sparkurses und der Strukturreformen zuzusagen. Die wirtschaftliche Lage der Griechen hat sich auch nicht verbessert.

Besorgte Bürger

Mit der überraschenden Ankündigung des Referendums kurz vor Abschluss der Gespräche über neue Finanzhilfen stürzte Tsipras dann nicht nur die Wirtschaft des Landes ins Chaos, sondern polarisierte auch seine Mitbürger.

Angesichts des drohenden Kollaps' der Banken blieb der Regierung keine Wahl, als Kapitalverkehrskontrollen einzuführen, woraufhin sich vor den Geldautomaten lange Schlangen bildeten. Besorgte Bürger kauften die Supermarktregale leer, während die Wirtschaft praktisch zum Erliegen kam.

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In den Tagen vor der Abstimmung demonstrierten fast täglich Tausende in der Athener Innenstadt für Ja oder Nein. Die Europäer warnten, ein Nein bedeute die Absage an Europa. Tsipras zeigte dennoch keinen Zweifel daran, dass es weitere Verhandlungen geben werde – und überzeugte damit wieder einmal seine Landsleute. Wie es nun weiter geht, bleibt offen.

(sda/ise/me)