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Alle Augen auf Draghi: Wo die EZB jetzt einkauft

Mario Draghi: Der EZB-Präsident liebäugelt mit dem Kauf von Staatsanleihen.   Keystone

Investoren erwarten von der Europäischen Zentralbank ein gross angelegtes Programm zum Aufkauf von Wertpapieren. Mario Draghis Kurs ist umstritten, weil er heute tief in die Tasche greifen will.

Von Mathias Ohanian
am 01.10.2014

Es wird ein Heimspiel. Und doch alles andere als leicht, wenn der Italiener Mario Draghi in Neapel heute die Öffentlichkeit Europas von seinen neuen Plänen überzeugen will. In der italienischen Stadt treffen sich die EZB-Räte. Die wirtschaftliche Lage im Währungsraum ist verfahren und die Euro-Zone nur hauchdünn von sinkenden Preisen entfernt. Bei gerade einmal 0,3 Prozent lag die Teuerung im September – weit weg vom erklärten Ziel von knapp zwei Prozent.

Inzwischen kommt hinzu, dass die Konjunktur offenbar deutlich angeschlagener ist als bislang befürchtet. Erst kürzlich senkte die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Wachstumserwartung. Einigen Ökonomen scheinen jedoch selbst die revidierten Zahlen noch immer zu optimistisch.

Anleger erwarten viel von EZB-Präsident Draghi

Ein Kernproblem, das die EZB vor allem in Südeuropa bekämpfen will: Banken vergeben dort nur zögerlich neue Kredite an Unternehmen und Privatleute. Doch ohne Darlehen springt der Wirtschaftsmotor nicht an und es drohen dauerhaft sinkende Preise. Deshalb kündigte EZB-Chef Draghi im September den Aufkauf von Staatspapieren an.

Am heutigen Donnerstag steht der Italiener wegen seiner vollmundigen Worte unter Druck: Dass der Euro gegenüber dem Dollar nun auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren fiel, ist für viele Beobachter mehr als nur ein Indiz, dass Investoren an den Finanzmärkten ein ambitioniertes Aufkaufprogramm erwarten.

EZB schreckt vor Kauf von Staatspapieren zurück – noch

Und Draghi scheint sie nicht enttäuschen zu wollen. Laut «Financial Times» setzt sich Draghi dafür ein, auch Papiere aus Griechenland und Zypern aufkaufen zu können, die nicht die bislang geforderte Bonität besitzen. Damit sollen die Zinsen lange niedrig gehalten und die Wirtschaftsakteure zu mehr Geschäften ermutigt werden.

Doch dieser Kurs ist höchst umstritten und könnte die Spannungen mit Bundesbank-Chef Jens Weidmann verstärken, der regelmässig mahnt, keine zu grossen Risiken einzugehen. Dies auch deshalb, weil der Deutsche offenbar weniger an die Durchschlagskraft der Massnahme glaubt als der Italiener. Kritiker wie der frühere EZB-Chefökonom Jürgen Stark warnen ohnehin bereits, dass die EZB zur «Bad Bank» werden könnte.

Beobachter sind auch deshalb skeptisch, weil der Markt für Kreditverbriefungen – die EZB will vor allem sogenannte Asset Backed Securities kaufen – in der Euro-Zone verhältnismässig klein ist. Entsprechend könnte die Wirkung verpuffen, so die Warnung. Hinzu kommen Unternehmensanleihen und Garantien, welche die Euro-Währungshüter ebenfalls erstehen und übernehmen könnte. Insgesamt könnte das morgen präsentierte Programm der EZB einen Umfang von 200 bis 300 Milliarden Euro haben, schätzt die Berenberg Bank.

Euro könnte gegenüber Franken abwerten

Doch anvisiert ist eine Ausweitung der EZB-Bilanz um rund 1'000 Milliarden Euro. Dies könne aber weder mit den bisherigen noch mit den angekündigten Massnahmen erreicht werden, glauben die Ökonomen der Deutschen Bank. Deshalb rechnen diese Experten neu damit, dass die EZB doch noch ihre Politik ändern und auch Staatspapiere kaufen wird. Vor umfangreichen Käufen von Staatsanleihen schreckt die EZB derzeit noch zurück, weil diese auch innerhalb der Institution umstritten sind.

Je niedriger die Inflation und schwächer die Wirtschaft, desto eher wird ein solcher Schritt aber in den kommenden Monaten. Gut möglich ist, dass der Euro nach Draghis heutigem Auftritt dennoch weiter an Wert verliert. Dann könnte auch der Franken wieder in Richtung der Mindestgrenze der SNB steigen.

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