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Freie Sicht
Als die Dummheit zum Selbstläufer wurde

So war es nicht geplant: Arbeitslose vor einer Suppenküche, Februar 1931
So war es nicht geplant: Arbeitslose vor einer Suppenküche, Februar 1931Quelle: U. S. Information Agency | Wikimedia Commons

Schon einmal ritt ein Handelsstreit die Welt in die Krise. Die Lektion damals: Sind Zölle einmal da, bringt man sie kaum noch los.

Kommentar  
Von Ralph Pöhner
am 28.06.2018

Im Mai beschloss das amerikanische Repräsentantenhaus, dass die Zölle für rund 20'000 Importprodukte erhöht werden: Die traditionelle Wirtschaft sollte besser geschützt werden vor der nervigen Konkurrenz aus dem Ausland. Ein halbes Jahr später, im Oktober, kam es zum bislang grössten Börsencrash aller Zeiten. Und dann folgte eine Depression, die entscheidend dazu beitrug, dass die Demokratie in vielen Ländern hinweggefegt wurde.

So geschah es im Jahr 1929, so verlief es in den Jahren danach. Konkret eingeführt wurde der so genannte Smoot-Hawley Tariff Act erst im Juni 1930, also nach dem berüchtigten «Schwarzen Donnerstag» an den Börsen – es war vor allem Pech beim Timing. Denn nun entbrannte der Handelsstreit mitten in einer akuten Finanzkrise. Andere Länder hoben ihrerseits die Zölle für amerikanische Produkte an. Die Importe sanken massiv, wie erhofft, doch zugleich brachen die Exporte der USA ein: In bloss vier Jahren sanken sie auf einen Drittel des Wertes von 1929. 

Die Politiker waren gewarnt

Man hatte es kommen sehen, sonnenklar. Die Politiker waren gewarnt. Unter anderem protestierten über 1’000 Ökonomen und hunderte Unternehmer in einem landesweiten Aufruf. Henry Ford, der Vater der Automobilindustrie, nannte die Zölle eine «ökonomische Dummheit». Thomas Lamont, ein Partner von J.P.Morgan, erzählte später, er habe Präsident Herbert Hoover auf den Knien gebeten, sein Veto gegen diese Idiotie – «asinine tariffs» – einzulegen.

Was zeigt, dass Manager und die Wissenschaftler in ihrem Elfenbeinturm oft lebensnäher sind als die Politiker, die sich gern so bodenständig geben; darauf hat der Ökonom Sebastian Edwards jüngst hingewiesen.

Kommt hinzu, dass sie offenbar auch ein besseres Gedächtnis haben. Heute steuert die Regierung in Washington wieder einen protektionistischen Kurs. Wieder warnen Wissenschaftler in offenen Briefen. Wieder nennen Unternehmer die Sache dumm. Wieder scheint es erfolglos.

Das wahre Problem kommt erst

Das macht den Rückblick interessant. Er zeigt nämlich, wo das wahre Problem liegt: Es kommt erst.

Die Zeitgenossen von 1930 merkten sehr rasch, dass ihre simple Idee aus dem Ruder gelaufen war. Im Wahlkampf trat Hoovers Herausforderer Franklin Delano Roosevelt mit dem Versprechen an, den Smoot-Hawley Act abzuschaffen, und wurde triumphal gewählt. Die Demokraten übernahmen die Macht. Und die geistigen Väter der Zölle, die Republikaner Reed Smoot und Willis Hawley, verloren ihre Sitze in Senat und Repräsentantenhaus.

Und dann? Dann geschah lange nichts. Denn jetzt mussten die Zölle in mühseligen Verhandlungen mit diversen Staaten wieder heruntergehandelt werden. Um rasch voranzukommen, schlug Aussenminister Cordell Hull vor, dass die USA einseitig die Zölle um 10 Prozentpunkte senken und dann weiterverhandeln.

Aber nun lobbyierte jede Branche – zuvorderst natürlich die Bauern – eifrig dafür, dass ihr eigenes Schutzzollmäuerchen keineswegs angerührt werde. Und angesichts einer gelähmten Wirtschaft mitsamt brutaler Arbeitslosigkeit fanden Roosevelt und die Anführer der Demokraten kaum noch Verständnis dafür, dass Amerika die Tore öffnen sollte für die ausländische Konkurrenz.

Kurz: Nach all dem, was die erwähnte Dummheit angerichtet hatte, wirkte die vernünftige Reaktion jetzt plötzlich unsinnig.

Und so dauerte es über den Zweiten Weltkrieg hinaus, bis die Smoot-Hawley-Blockade halbwegs weggeräumt war.

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