Es gibt Momente, in denen die Geschichte auf der Kippe steht. Jetzt ist ein solcher Moment. Die Amerikaner haben Donald Trump zum Präsidenten gemacht.

Sein Triumph ist nicht bloss ein Sieg eines weiteren Rechtspopulisten bei irgendeiner Wahl in irgendeinem Land. Es ist der bedeutendste Sieg der populistischen Demagogie über den pragmatischen Rationalismus in der 240-jährigen Demokratiegeschichte des grössten Industrielandes der Welt.

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Gegen den Kompromiss,
 gegen den Realismus

Ein bitterer, gehässiger Wahlkampf ist mit einem donnernden Schlag zu Ende gegangen. Die Amerikaner haben sich entschieden – für uneinlösbare Versprechen, für xenophobe und misogyne Stimmungsmache als legitimes politisches Mittel. Gegen den Kompromiss, gegen den Realismus, gegen inkrementelle Verbesserung. Für die Revolution. Gegen die Reform.

Millionen von Amerikanern sind einem Mann gefolgt, der offen mit dem Umsturz droht. Warum? Weil viele von ihnen den Anschluss verloren haben, entfremdet von Corporate America, vergessen von Big Politics. Sie haben der globalisierten Welt den Stinkefinger gezeigt. Trumps Wahl ist ein gigantisches «fuck you» dieser Menschen an die Adresse all jener, die vermeintlich schuld sind an den Fehlentwicklungen im Land.

Nicht mehr das grossartige Land

Unter dieser Oberfläche aber schwelt ein tieferer Konflikt. Das Wahlkampfmotto des neuen Präsidenten – «Make America Great Again» – hat ihn aufgezeigt. Trumps Wahl ist eben auch als Eingeständnis einer Nation an sich selbst lesbar. Amerika ist nicht mehr das grossartige Land, das es in den Augen seiner Einwohner einmal war.

Gerade dies macht den Wahlausgang aber letztlich so schwer verdaubar. Denn Trumps Wirtschaftsrezepte werden an dieser Tatsache nicht viel ändern. Amerika hat einen Präsidenten erkoren, der am Ende nicht viel mehr als eine Illusion bieten kann; einer, der gut für eine polternde Show ist, aber keine Rezepte gegen die wahren Probleme hat.

Zweifel an der Zukunft

Das Signal, das die USA damit an die Welt aussenden, ist kein gutes. Offenbar sind liberale Demokratien nicht fähig, sich aus eigener Kraft aus misslichen Gesellschaftslagen zu befreien. Offenbar zieht das erklärte Ziel der Aufklärung, durch einen ehrlichen Diskurs zum Fortschritt zu finden, nicht mehr.

Offenbar ist liberal-progressive Politik keine genügende Antwort auf ökonomische Krisen. Wird Amerika ein globaler Wirtschaftsmotor, eine treibende Kraft im Freihandel, ein Promotor freiheitlicher Werte bleiben?

Länder wie die Schweiz können sich nicht mehr auf die USA verlassen

Länder wie die Schweiz sind nun herausgefordert. Gerade sie verdanken ihren Wohlstand wesentlich der Tatsache, dass sich die USA einst für ein grossartiges Land hielten. Und in ihrem Selbstverständnis eine internationale Ordnung durchsetzten, die auf Rationalität, gegenseitigem Respekt und freiem Wirtschaften fusste. Diese Ordnung ist nun gefährdet. Nicht nur die Geschichte der USA steht nach dem Wahlsieg Trumps auf der Kippe.