Die christdemokratische CSU/CDU von Kanzlerin Angela Merkel steht nach den Neuwahlen in Deutschland vor der absoluten Mehrheit im Bundestag. Dort wird die liberale Koalitionspartnerin FDP jedoch nicht mehr vertreten sein. Damit wird Merkel aller Voraussicht nach Bundeskanzlerin bleiben - offen bleibt, in welcher Konstellation.

Die sozialdemokratische SPD, die mit Spitzenkandidat Peer Steinbrück angetreten war, konnte leicht auf rund 26 Prozent zulegen, sprach aber von einem enttäuschenden Ergebnis. Drittstärkste Kraft wird demnach die Linke, die knapp vor den Grünen lag.

Merkel äusserte sich zunächst nicht zu möglichen Regierungsbündnissen: «Wir warten jetzt erst einmal das Wahlergebnis ab», sagte die CDU-Vorsitzende am Sonntagabend in Berlin. Es sei noch zu früh, um genau zu sagen, wie die Union vorgehen werde, darüber werde am Montag gesprochen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel zeigte sich enttäuscht: «Wir müssen sagen, ja wir haben zugelegt, aber wir haben uns mehr erwartet.» Kanzlerkandidat Steinbrück wollte sich ebenso wie Merkel nicht zum weiteren Vorgehen äussern: «Der Ball liegt im Spielfeld von Frau Merkel, sie muss sich jetzt eine Mehrheit besorgen.»

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Alleinregierung wäre kein Novum

Die Union schaffte ihr bestes Ergebnis seit rund 20 Jahren, die SPD fuhr trotz Gewinnen ihr zweitschlechtestes Ergebnis seit 1949 ein. Eine Alleinregierung auf Bundesebene mit absoluter Mehrheit gab es in der Geschichte der Bundesrepublik nur ein Mal - von 1960 bis 1961 unter Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Sollte es am Ende für die Union nicht dafür reichen, wäre eine grosse Koalition zwischen CDU/CSU und SPD wahrscheinlich. SPD und Grüne haben eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ausgeschlossen, eine Zusammenarbeit zwischen Union und den Grünen gilt als unwahrscheinlich.

AfD knapp unter fünf Prozent

Nach der Hochrechnung des TV-Senders ZDF von 19.33 Uhr legten CDU/CSU auf 42,5 Prozent zu, nachdem sie 2009 mit 33,8 Prozent das zweitschlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl eingefahren hatte. Ihr Koalitionspartner FDP stürzte von 14,6 Prozent vor vier Jahren auf 4,6 Prozent ab.

Die SPD erholte sich von ihrem Tiefpunkt vor vier Jahren und legte von 23,0 Prozent auf 25,9 Prozent zu. Die Grünen kamen nach 10,7 Prozent auf 8,0 Prozent.

Die Linkspartei verlor nach 11,9 Prozent mit 8,4 Prozent ebenfalls leicht, wurde aber drittstärkste Kraft im neuen Bundestag. Die euro-skeptische Alternative für Deutschland (AfD) wurde von beiden Sendern mit 4,9 Prozent nur knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde gesehen.

Das bedeutet nach ZDF-Berechnungen für die Union eine absolute Mehrheit von 304 Sitzen in einem Bundestag mit 606 Abgeordneten. Die SPD erhält 185 Mandate, ihr Wunschpartner Grüne stellt 57 Abgeordnete. Die Linkspartei kommt auf 60 Sitze.

Die Wahlbeteiligung lag mit 72 bis 73 Prozent etwas höher als bei der Bundestagswahl 2009 mit 70,8 Prozent, was die niedrigste in der Geschichte der Bundesrepublik war. Rund 62 Millionen Bürger waren zur Wahl aufgerufen.

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Rösler: Bitter und traurig

Bei der bisher mitregierenden FDP herrschte Schockstarre: Parteichef Philipp Rösler übernahm die politische Verantwortung für das Debakel. Der 40-Jährige sagte im Beisein seiner Frau und dem Präsidium, es handle sich «um die bitterste, traurigste Stunde in der Geschichte der Freien Demokratischen Partei».

Die FDP war seit 1949 immer im Bundestag vertreten. Ihr bislang schlechtestes Ergebnis fuhr sie 1969 mit 5,8 Prozent ein. «Ab morgen muss die FDP neu gedacht werden», sagte Parteivize Christian Lindner in der ARD.

Enttäuscht zeigten sich auch die Grünen: «Wir haben unsere Ziele nicht erreicht», sagte Spitzenkandidatin Kathrin Göring-Eckardt. Co-Spitzenkandidat Jürgen Trittin forderte eine «schonungslose Analyse» der Ursachen.

Freude dagegen bei den Linken: «Wer hätte das 1990 gedacht, dass diese Partei die drittstärkste politische Kraft der Bundesrepublik Deutschland wird», rief Fraktionschef Gregor Gysi seinen Anhängern in Berlin zu.

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(sda/rcv/moh)