Sie finden, es muss sich etwas ändern? Etwa, weil ihr Gemeindepräsident Spendengelder in die eigene Tasche wandern lässt, oder Ihre Stadt eine neue Schule viel nötiger hat als das geplante Fussballstadion? Doch Sie wissen nicht, wie Sie sich Gehör verschaffen können?

Dann könnten Sie Srdja Popovic kontaktieren. Der 41-jährige Serbe weiss, wie man Revolutionen startet – und sie erfolgreich zu Ende bringt. Er war Mitinitiator der gewaltfreien Studentenbewegung, die im Oktober 2000 schliesslich den serbischen Diktator Slobodan Milosevic zu Fall brachte. Heute ist Popovic Direktor der Non-Profit-Organisation Canvas in Belgrad. Die Institution bietet demokratischen Bewegungen rund um den Globus Unterstützung und Training an. In den kommenden Monaten unterrichtet er an den Unis von New York und Harvard.

Gewaltfreie Demos: 42-prozentige Erfolgschance

Am Wochenende referierte der Polit-Aktivist noch auf dem Netzkongress das Radiosenders Bayern 2 Zündfunk in München und schilderte am Rande der Konferenz die Ergebnisse seiner Arbeit. Vorneweg: Popovic ist nur für gewaltfreie Rebellionen zu haben – allein schon deshalb, weil dieser Weg historisch gesehen eine immerhin 42-prozentige Chance auf langfristigen Erfolg hat, wie er sagt. Im Gegensatz zu gewalttätigen Revolutionen, die in der Vergangenheit nur in gut einem Viertel der Fälle zu demokratischen Zuständen und Stabilität führten.

Doch wie beginnen? Am Anfang jeder Revolution sollte eine klare Vision stehen, sagt Popovic. Gerne positiv formuliert. Besser als Gesichter und Namen sind Werte. Die seien allgemeingültig und nachvollziehbar. Stichwort: mehr Demokratie, weniger Korruption. Menschen hingegen sind ersetzbar – etwa dann, wenn sie sich plötzlich entscheiden, doch nicht mehr im Sinne der Rebellion arbeiten zu wollen. Ebenfalls gut: ein passender Name, zum Beispiel Regenschirm-Revolution.

Warum Occupy keine gute Idee ist

Bei der Ausarbeitung der Strategie gilt: «Denken Sie gross, aber starten Sie klein», sagt Popovic. Haben Sie fünf Kollegen, veranstalten Sie ein Strassentheater oder einen öffentlichen Themenabend. Haben Sie 50 Mitstreiter, können Sie ein Gebäude besetzen, mit 500'000 kann ein Diktator gestürzt werden. «Veranstalten Sie keinen Millionenmarsch, wenn Sie nur 50 Unterstützer haben», empfiehlt Popovic.

Von einer Occupy-Aktion rät der Polit-Aktivist übrigens ab. Denn einerseits brauchen Sie die Unterstützung der Öffentlichkeit. Und die kann drastisch schwinden, wenn eine Zeltstadt ohne sanitäre Anlagen wochenlang vor dem Bundeshaus aufgebaut ist und es zu riechen beginnt. «Davon abgesehen ist es schwer, genügend viele Menschen zu finden, die Zeit haben, über mehrere Monate irgendwo zu campieren.»

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Überschätzen Sie nicht die Macht der sozialen Medien

Viel besser dagegen ist Training: Rekrutieren Sie neue Kollegen und bringen ihnen Ihre Werte und Fähigkeiten bei. Dann können Sie gemeinsam mit ihnen weitere Mitstreiter für Ihr Projekt gewinnen. Denn vergessen Sie nicht: In einer Demokratie geht es darum, mehr Menschen zusammenzutrommeln als der Gegner.

Setzen Sie dabei auf die sozialen Medien als Multiplikator. Damit können Sie sich schnell organisieren und erzielen eine hohe Sichtbarkeit, sagt Popovic, um jedoch gleichzeitig zu warnen: «Neue Medien gehen mit einigen Nachteilen einher.» Denn soziale Netzwerke können zwar das öffentliche Bewusstsein steigern. Doch sie machen auch faul. «Sie retten einen Polarbär nicht mit einem Mausklick.»

Demokratische Bewegungen auch ohne Twitter

Popovic verweist auf die Revolution in Ägypten, als auf dem Tahrir-Platz 2011 gerade dann am meisten Demonstranten gezählt wurden, nachdem die Regierung Telefonverbindungen und Internet gekappt hatte. Soziale Medien seien teilweise ein Hindernis für gewaltfreie Demonstrationen und Revolutionen auch ohne die neuen Werkzeuge möglich: «Bis 2006 gab es 323 verschiedene Kampagnen – und das war vor der Zeit von Twitter und Facebook.» Denn Fakt ist noch immer: Veränderungen werden in der realen Welt erreicht.

Doch was ist in den arabischen Ländern seit Beginn der Demonstrationen bis heute schief gelaufen? Nach Ansicht von Popovic hätte die Bewegung dort zu wenig verstanden: «Revolution ist wie ein Videospiel.» Das heisst: Sie haben mit jeder Entwicklungsstufe neue Ziele und Herausforderungen zu meistern. Und das Verfassen einer demokratischen Verfassung sei schlicht weniger anziehend auf viele Demonstranten, als einen Diktator zu stürzen, so Popovic. Es ist leichter, gegen etwas zu kämpfen, als etwas Neues aufzubauen.

Ukraine kann von der Schweiz lernen

Doch Popovic beruhigt: So hätte Amerika seit den Unabhängigkeitskämpfen gegen Grossbritannien 17 Jahre gebraucht, um demokratische Institutionen zu schaffen. «Ägypten ist also noch nicht gescheitert.» Umso wichtiger sei es, schon früh im Demonstrationsprozess allen Beteiligten seine Vision klar zu vermitteln.

Und was kann die Schweiz beitragen im globalen Kampf für Demokratie und Menschenrechte? Popovic verweist auf die in West und Ost geteilte Ukraine. Dort könnte ein föderalistisches System nach Schweizer Vorbild die Lösung sein. «Schweizer Experten könnten dazu beitragen, in der Ukraine stabile Institutionen mit föderalen Strukturen aufzubauen.»