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Putsch
Armee setzt Mursi ab - Jubel in Ägyptens Hauptstadt

Die ägyptische Armee hat Präsident Mursi nach nur einem Jahr aus dem Amt gejagt. Seine Gegner feiern, seine Anhänger fühlen sich betrogen. Nun wächst die Angst vor Blutvergiessen.

Veröffentlicht am 04.07.2013

Jubel, Feuerwerksraketen, Autokorsos: Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo sind im Freudentaumel. Den ganzen Tag über haben Zehntausende auf die erlösende Nachricht gewartet, die am Abend von Armeechef Abdel Fattah al-Sisi verkündet wurde. Die Armee hat den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi nach nur einem Jahr aus dem Amt gejagt. Damit hat die Protestbewegung ihr Ziel erreicht.

Zuvor hatte Mursi erneut einen Rücktritt abgelehnt und sein Angebot der Bildung einer umfassenden Koalitionsregierung wiederholt. Gleichzeitig suchte die Armeeführung bei einem Krisentreffen mit Vertretern politischer und religiöser Gruppierungen und Parteien nach einem Ausweg aus der Krise.

Der aussenpolitische Berater von Mursi, Essam al-Haddad, empörte sich: «Lassen Sie uns das, was geschieht, bei seinem richtigen Namen nennen: Militärputsch.»

Panzer in der Stadt

Am Abend rollten erstmals Panzer durch die Strassen von Kairo. Eines der Ziele: die Kairoer Universität, wo die Mursi-Anhänger weiter demonstrierten und wo es in der Nacht zuvor Schiessereien mit 20 Toten gegeben hatte.

Die Truppen sollten «Gewaltakte verhindern», hiess es von offizieller Seite. Helikopter kreisten über der Stadt. Mursi-Gegner grüssten lautstark, sobald ein Helikopter den Tahrir überflog. Bis zum späten Abend blieb alles friedlich.

Der Verkehr in den Strassen war mässig, niemand zeigte Anzeichen von Panik. Nachdenklichere Bürger äusserten die Besorgnis, dass die Lage weiter eskalieren könnte.

Angst vor Blutvergiessen

Dass sich die Muslimbruderschaft nicht in die Absetzung «ihres» Präsidenten fügen und gewaltsamen Widerstand leisten würde. «Ohne Blutvergiessen wird es nicht abgehen», erwartete ein Passant im Zentrum von Kairo. Bei Zusammenstössen zwischen Mursi-Anhängern und -Gegnern waren schon in den vergangenen Tagen Dutzende Menschen ums Leben gekommen.

Auf dem Tahrir-Platz, dem Epizentrum der Revolution vor mehr als zwei Jahren, herrschte bei der riesigen Menge der Demonstranten den ganzen Tag über Jahrmarktstimmung. Strassenhändler boten Snacks und Sticker an, mit Aufschriften wie «Irhal!» (Hau ab!), eine Parole, die man schon im Januar und Februar 2011 dem damaligen Autokraten Husni Mubarak entgegengeschleudert hatte.

Eine Gruppe von Demonstranten trug einen selbst gebastelten Sarg mit Mursis Konterfei herum. «Wenn Mursi nicht zurücktritt, werden wir zu seinem Palast gehen», kündigte der Landwirtschaftsstudent Ahmed Abdel Hamid an. «Das wird sein Ende sein, denn wir sind Millionen.»

Genug von Islamisierung

Andere nahmen es ruhiger auf. «Es ist vorbei, er hat ausgespielt, und er weiss es sogar selbst», meinte der 50-jährige Beamte Osama Bakri, der in den Mittagsstunden, kurz vor Ablauf des Militär-Ultimatums, in einem Strassencafé genussvoll seine Wasserpfeife rauchte.

Gefühlte 99 Prozent der Ägypter seien gegen Mursi. Er und die Muslimbrüder hätten den Islam missbraucht. Selbst der Mann, der am Flughafen bei den Autofahrern die Standgebühr kassiert, findet: «Mursi muss gehen. Ich kann keinen 'Bärtigen' mehr sehen.»

Der Vollbart bei Männern, wie ihn auch Mursi trägt, ist das Markenzeichen des politischen Islams. Im Nilland vertritt ihn die Muslimbruderschaft, aus der Mursi kommt. Die ideologischen Begrenzungen dieser lange Zeit verbotenen Organisation vermochte er in seiner einjährigen Präsidentschaft nie hinter sich zu lassen.

Am Volk vorbeiregiert

Die Demonstranten führten immer wieder dieselben Klagen gegen Mursi an: er habe sich nicht um die Nöte des Volks gekümmert, die Wirtschaft vernachlässigt, nur den Ausbau der eigenen Macht betrieben.

Mursis Anhänger sehen dagegen den Präsidenten als das Opfer einer Verschwörung, die von den angeblich immer noch mächtigen Exponenten des gestürzten Mubarak-Regimes angeführt wird. So meint der Innendekorateur Mohammed Mansu: «Die Polizei und die Armee haben den legitimen Präsidenten verraten.»

(tno/sda)

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