Politikerinnen und Politiker neigen dazu, Kontrahenten als negativer und einflussreicher einzuschätzen als diese tatsächlich sind. Dieses Phänomen namens «Devil Shift» konnten Forschende der Eawag und der Uni Genf nun auch in der Schweizer Politik nachweisen.

Niederlagen bleiben meist stärker in Erinnerung als Siege, und es fällt Menschen allgemein schwer, ein positives Bild von Gegnern zu haben. Das gilt insbesondere auch für Politiker, die dadurch ihre Kontrahenten negativer betrachten und ihnen mehr Einfluss zusprechen als diese tatsächlich haben. Das erschwert Entscheidungsprozesse und Kompromisse.

Von Kernenergie bis Freizügigkeit

Politikwissenschaftler der Forschungsanstalt Eawag und der Universität Genf haben festgestellt, dass dieses «Devil Shift"-Phänomen auch in der politischen Realität der Schweiz eine Rolle spielt. Davon berichteten sie kürzlich im «Journal of Public Policy».

Für ihre Studie nahmen sie sich neun der wichtigsten Vorlagen der eidgenössischen Politik aus den Jahren 2001 bis 2006 vor, darunter die Änderung des Kernenergiegesetzes und die Erweiterung der Personenfreizügigkeit, wie die Eawag am Mittwoch mitteilte. Ausserdem führten sie mehr als 200 Interviews mit Personen aus der Verwaltung, von Parteien, Interessengruppen und aus der Wissenschaft, die in die jeweiligen politischen Prozesse involviert waren.

Bei den Befragungen ging es um eine subjektive Einschätzung zum Konflikt mit den politischen Gegenspielern und deren Einfluss. Die Ergebnisse verglichen die Forschenden mit einer objektiven Beurteilung anhand der tatsächlichen inhaltlichen Differenzen und der durchschnittlichen Einschätzung aller Beteiligten.

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Auch in der Schweiz keine Seltenheit

Das Fazit: Auch in der Schweizer Politik leiden die Akteure an einer verzerrten Wahrnehmung ihrer Gegner. Subjektiv empfanden sie die Unterschiede zwischen den Positionen ihrer Kontrahenten und ihren eigenen Überzeugungen und Werten als grösser als diese objektiv waren.

Dabei gab es auch Unterschiede, je nachdem in welchem Bereich die Befragten tätig waren: «Parteien, Interessengruppen und einflussreiche Akteure sind wesentlich mehr von der verzerrten Wahrnehmung betroffen als die Verwaltung und die Wissenschaft», erklärte Studienautor Manuel Fischer von der Eawag gemäss der Mitteilung.

Wettstreit verzerrt das Bild

Das liege vermutlich daran, dass erstere in einem stärkeren Wettstreit stehen. Parteien wollen ihre Positionen im Parlament durchsetzen und hängen von der Gunst der Wähler ab, Interessengruppen müssen die Anliegen ihrer Mitglieder vertreten und um Finanzierung kämpfen, und einflussreiche Akteure stehen im Fokus der Öffentlichkeit und sind daher Hauptziel oppositioneller Kritik ausgesetzt.

Besonders zum Tragen komme der «Devil Shift» bei Vorlagen mit sozioökonomischer Stossrichtung, schrieb die Eawag. Dabei gehe es um fest verankerte und über Jahrzehnte kultivierte Grundüberzeugungen von Gruppierungen, die sich deutlich voneinander abgrenzen wollen. Dadurch verstärke sich die subjektive Wahrnehmung, die Ansichten der politischen Gegenspieler unterschieden sich fundamental von den eigenen.

Den zweiten Aspekt des «Devil Shift», den politischen Gegner auch einflussreicher einzuschätzen als er wirklich ist, konnten die Forschenden in der Schweizer Politik allerdings nicht wirklich feststellen. Eher im Gegenteil: Teils neigten die Befragten eher dazu, ihren Kontrahenten weniger Einfluss zuzusprechen.

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(sda/chb)