Wenn es im militärischen Muskelspiel auf der Krim zwischen der Ukraine und Russland schon so etwas wie eine Front gibt, dann verläuft sie hier, an der heruntergekommenen Kaserne im Bergland auf der Halbinsel. Hunderte russische Soldaten haben den Militärkomplex umstellt, wo sich die eingeschlossenen ukrainischen Soldaten weigern, sich zu ergeben. Der Kampf wird nicht zwischen den Soldaten ausgefochten. Es ist noch kein einziger Schuss gefallen. Noch ist es ein Kampf der Worte zwischen den Anhängern beider Seiten, die manchmal hin und hergerissen sind, zu wem sie halten sollen.


Vor dem Stützpunkt sind Männer aus einem nahen Dorf aufgezogen. Sie tragen russische Fahnen und rufen immer wieder «Russland! Russland!». Vier Frauen, die Essen für die eingeschlossenen ukrainischen Soldaten bringen wollen, werden von ihnen verjagt. «Was ist denn das für ein Krieg?« fragt die 22-jährige Studentin Anja Dudnitschko, die sich ein Band in den ukrainischen Landesfarben gelb/blau ins Haar gebunden hat. «Es ist eine Infiltration. Niemand hat einen Krieg erklärt.»

Die ukrainischen Truppen sind viel zu schwach


Die ukrainischen Truppen auf der Krim sind viel zu schwach, um dem russischen Militär nennenswerten bewaffneten Widerstand leisten zu können. Daher haben sich Teile auch schon ergeben – der Prominenteste war der gerade erst ernannte Befehlshaber der ukrainischen Marine. Aber auf einigen wenigen Stützpunkten weigern sich die ukrainischen Soldaten, die russischen Anordnungen zu befolgen, ihre Waffen abzugeben und sich den pro-russischen Regionalbehörden zu unterstellen.

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Hier in Perewalnoje sitzen die Ukrainer in zwei Kasernen fest, umzingelt von Hunderten Soldaten, die mit Lastwagen und gepanzerten Fahrzeugen mit russischen Militärkennzeichen in der Nähe ein Lager errichtet haben. Viele der ukrainischen Soldaten wohnen mit ihren Familien im nächsten Ort. Von dort her sind Ehefrauen und Mütter vor das Kasernentor gekommen. Sie müssen sich zwischen den russischen Soldaten, die dort mit auf den Boden gerichteten Gewehren herumstehen, hindurchschlängeln. «Wir sichern unseren Stützpunkt, wir haben Befehle» ruft ein ukrainischer Soldaten durch das Gittertor.

Neben ihm steht Swetlana Gontscharowa, die Bibliothekarin des Stützpunkts. Sie sei gekommen in der Hoffung, dass die Anwesenheit einer Frau Gewalt verhindern könne, sagt die 50-Jährige. «Wir stehen hier unseren Jungs bei. Die Lage ist ausser Kontrolle geraten. Wenn sie sehen, dass Zivilisten hier zusammen mit den Soldaten stehen, richten sie vielleicht nicht die Waffen auf uns.»

«Die Hälfte von uns sind Russen»

Für viele Bewohner der Krim ist es angesichts der jahrzehntelangen militärischen Tradition mit der sowjetischen und später russischen Schwarzmeerflotte schwierig, die andere Seite als Feind zu betrachten. «Die Hälfte von uns sind Russen«, sagt Gontscharowa. «Unsere Schicksale sind miteinander verflochten.» Ihr Grossvater sei Offizier in der sowjetischen Armee gewesen, ihr Vater Oberst, ihr Mann sei ein pensionierter ukrainischer Offizier. Als Gäste seien die Russen willkommen. «Aber wenn sie zu uns in Armeestiefeln kommen, ärgert das uns», sagt sie.


Prompt bekommt sie Kontra von einer Frau vor dem Tor, die das Vorgehen der Russen verteidigt. «Sie ärgern uns nicht. Sie sind hier, um uns zu beschützen. Sie stehen hier friedlich herum», sagt Irina Fedusowa. «Wir wollen keinen zweiten Maidan wie in Kiew», sagt sie in Anspielung auf die Proteste, die zum Sturz des pro-russischen Präsidenten Viktor Janukowitsch führten. «Das werden wir nicht zulassen. Wir wollen, dass die Krim über ihr eigenes Schicksal entscheidet und niemand uns unser Schicksal diktiert.»

«Jeder hat Angst»

Eine Frau namens Schenja ist durch einen Seiteneingang auf den Stützpunkt geschlüpft. Sie hat einen Wasserkocher, Süssigkeiten und Lebensmittel für ihren Mann und die anderen ukrainischen Soldaten mitgebracht. Im Dorfladen habe sie schon ein Kämpfchen ausgestanden, berichtet sie. Eine Hälfte der Dorfbewohner habe sie aufgefordert, doch die Seite zu wechseln. Doch sie gibt sich unbeugsam wie die Soldaten. «Die Jungs sind müde, aber entschlossen», sagt sie. Ihr Mann habe gesagt, er bleibe bis zum Letzten. «Jeder hat Angst, dass irgendjemand einen Militärkonflikt auslöst.»

An der Szene fährt ein Mann vorbei und ruft aus dem Auto: «Danke, Russland!« Die Leute hier seien in zwei Lager geteilt, sagt die Bibliothekarin Gontscharowa. «Wir arbeiten zusammen, wir sind Nachbarn, und wir haben unterschiedliche Ansichten. Aber wir sind nicht soweit, dass wir aufeinander losschlagen«, sagt sie.

(reuters/me)