Eine Legende sagt, der in Nizza geborene Maler Yves Klein habe einst die Inspiration für seine monochrom blauen Bilder am Kieselstrand seiner Heimatstadt erhalten. Er lag da so, starrte in den Himmel, der hier immer noch ein bisschen blauer ist als irgendwo sonst an der Côte d'Azur, als plötzlich eine weisse Möwe durch sein Blickfeld zog.

Dieser weisse Streifen auf dem Blau störte Yves Klein gewaltig. So beschloss er, fortan Bilder zu malen, deren Blau absolut ungetrübt sein sollte. Alles auf der Promenade des Anglais war bis gestern blau, das Wasser, die Metallstühle, die Leihfahrräder – und die heissen natürlich vélobleu. Nizza war bis Donnerstagabend die vielleicht freundlichste und lebensfroheste französische Grossstadt. Selbst Friedrich Nietzsche bekam hier kurzzeitig mal bessere Laune.

Über 80 Tote auf der berühmtesten Flaniermeile

Doch der 14. Juli 2016 wird in die Geschichte eingehen als der Tag, der das strahlende Nizzaer Yves-Klein-Blau für immer mit einem Trauerflor versehen hat.

Über 80 Menschen sind bei dem grauenhaften Anschlag auf der Promenade des Anglais getötet worden. Auf der berühmtesten Flaniermeile der französischen Riviera waren am Abend des französischen Nationalfeiertages Tausende unterwegs.

Anwohner und Touristen hatten gerade das traditionelle Festtags-Feuerwerk über der Bucht genossen, als der Attentäter mit einem 18 Tonnen schweren LKW in die Menge raste. Er begann seine mörderische Fahrt neben der Kinderklinik der Lenval Stiftung im Westen der Stadt. Fast zwei Kilometer raste er in hoher Geschwindigkeit über den Boulevard, vorbei am berühmten Hotel Negresco.

Eines der ersten Opfer war eine muslimische Frau

Zum Halten kam er erst auf Höhe des Palais de la Méditerranée. Unterwegs mähte er jeden nieder, der nicht rechtzeitig zur Seite springen konnte. Kinder, Frauen, Männer. Eines der ersten Opfer, die er in den Tod riss, war eine muslimische Frau, die mit ihrem Mann und ihren Kindern zum Feuerwerk gekommen war.

Bei dem Fahrer des Wagens handelt es sich um einen aus Nizza stammenden, 31 Jahre alten Franzosen tunesischer Abstammung. Im Fahrzeug fanden sich – wie schon bei den Pariser Anschlägen im Januar und November – persönliche Dokumente. Der Mann war den Sicherheitskräften offenbar bekannt.

Ein Täter aus der Mitte der Gesellschaft

Das Muster klingt erschreckend vertraut. Auch wenn die näheren Hintergründe der Tat noch ungeklärt sind, deutet vieles darauf hin, dass es sich erneut um einen radikalisierten Täter handelt, der inmitten der französischen Gesellschaft sozialisiert wurde. Sein Handeln entspricht den Handreichungen, die Daesch, der sogenannte Islamische Staat, im September 2014 seinen Sympathisanten in Europa gab: Zum Töten möglichst vieler ist jedes Mittel recht.

Je weicher die Ziele, desto grösser die Opferzahl, desto härter der Schock und umso wirksamer der Effekt des Terrors. Man kann Menschen in Restaurants oder im Konzertsaal niedermetzeln oder sie beim Strandspaziergang über den Haufen fahren. Die Botschaft ist eindeutig: Es kann jeden treffen. Überall.

Ausgerechnet Nizza

Die Tat trifft Frankreich zu einem Zeitpunkt, da das Land nach Monaten des politischen und psychischen Ausnahmezustandes gerade gewagt hatte, ein wenig durchzuatmen. Wenige Stunden vor dem Anschlag hatte Präsident Francois Hollande den seit den Anschlägen vom November geltenden Notstand aufgehoben.

Die Fussball-Europameisterschaft war zur allgemeinen Erleichterung und entgegen aller Befürchtungen ohne grössere Sicherheitsprobleme bewältigt worden. Die Atmosphäre war – bis zur französischen Endspielniederlage – heiter und beschwingt.

Gerade in Nizza, wo vor zwei Wochen die Isländer England aus dem Turnier geworfen hatten und sich die Fans nicht gegenseitig verprügelten, sondern sich stattdessen muntere Schlachtgesangswettbewerbe lieferten. Dort, wo der Lastwagen am Donnerstagabend seine Blutspur hinterliess, stand bis vergangenen Woche noch ein fröhliches EM-Dorf mit Hüpfburgen.

Bucht der weinenden Engel

Noch in der Nacht zu Freitag hat Hollande den «Etat d'Urgence» um drei Monate verlängert und die Einsatzreserve der Sicherheitskräfte mobilisiert. Der «Krieg» in dem Frankreich glaubt, sich zu befinden, wird weiter gehen.

Doch diejenigen, die mit ihrem Hass auf eben jene Werte zielen, auf die die französische Republik sich gründet – und die eben gerade am 14. Juli gefeiert werden: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – scheinen wieder einmal nicht von sehr weit draussen kommen. Sondern von innen. Der Mann, der am Donnerstagabend in Nizza mehr als 80 Menschen getötet hat, lebte selbst in Nizza. Das Blau seiner Stadt hat ihn nicht besänftigen können.

Die Bucht von Nizza heisst übrigens «Baie des Anges». «Bucht der Engel». Seit gestern sind es weinende Engel.

Dieser Artikel erschien zunächst in der «Welt» unter dem Titel «Weinende Engel über der blauen Bucht».
 
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