Die 24 grössten Banken in Europa haben ihre harten Kernkapitalquoten im ersten Halbjahr nach Reuters-Berechnungen im Schnitt um fast einen halben Prozentpunkt gesteigert - mehr als in den sechs Monaten vorher und mehr als ihnen Analysten zugetraut hatten.

Früher empfahlen die Aufseher eine Erhöhung des Kapitals, und die Aktionäre gaben gnädig ihren Segen. «Heute bestehen die Aufseher darauf, und die Aktionäre sind begeistert», sagt Matthew Beesley, der das Europa-Aktiengeschäft des Vermögensverwalters Henderson leitet.

Galt eine harte Kernkapitalquote von zehn Prozent noch vor einem Jahr als ausreichend, dürfen es heute schon elf bis zwölf Prozent sein, wenn es nach Bankern und Analysten geht.

EZB nimmt jede Bank einzeln dran

Den Bankenaufsehern in Skandinavien und Grossbritannien ist das noch lange nicht genug. Die schwedische Nordea etwa liegt mit 16 Prozent weit über den Quoten ihrer ausländischen Rivalen - doch sie macht sich Sorgen, dass das nicht ausreichen könnte, wenn die schwedischen Aufseher einen kritischeren Blick auf die Gewichtung der Bilanzrisiken würfen. Der Nordea-Rivale Swedbank hat das schon erlebt: Er kommt auf 22,4 Prozent - das klingt nach viel, doch die Vorgabe der Behörden liegt bei 19,6 Prozent.

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Und das könnte noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Auch die Europäische Zentralbank, die die grössten 120 Banken in der Euro-Zone beaufsichtigt, hat damit begonnen, jedem Institut ein individuelles Kapitalpolster vorzuschreiben. Und die Finanzchefs zittern vor dem Schlagwort «Basel IV», der nächsten Reform des Regelwerks für die Branche, das ihre Freiheiten bei der Berechnung des Eigenkapitals weiter einschränken könnte.

Aktionäre denken um

Die grossen fünf britischen Banken haben ihre Kapitalquote im ersten Halbjahr im Schnitt um 0,74 Prozentpunkte erhöht - koste es, was es wolle. Standard Chartered schaffte sogar 0,8 Prozentpunkte, obwohl der Gewinn um 44 Prozent einbrach. Um eine Kapitalerhöhung zu vermeiden, wurde die Bilanzsumme kurzerhand um fünf Prozent abgeschmolzen und die Dividende halbiert. Anders als früher schreckt solcher Verzicht die Anleger nicht mehr. Sie steigen gerade bei Banken wie Lloyds, der UBS oder den skandinavischen Instituten ein, die die Anforderungen der Regulierer vorzeitig erfüllt haben. «Sie warten geduldig, im Glauben, dass sie ganz vorne in der Reihe stehen, wenn es wieder ans Zahlen von ordentlichen Dividenden geht», sagt Beesley.

Wenig Kapital, schlechte Bewertung

Das schlägt sich in den Bewertungen nieder: Swedbank und Handelsbanken werden mit dem Doppelten ihres Buchwertes gehandelt, UBS und Nordea mit dem 1,6-fachen und Lloyds immerhin beim 1,2-fachen. Der Börsenwert der Deutschen Bank liegt dagegen 40 Prozent unter dem Buchwert. Sie war eines der wenigen europäischen Institute, deren Kernkapitalquote im ersten Halbjahr leicht zurückging, auf 11,4 Prozent.

Schon spekulieren Analysten, dass der neue Bank-Chef John Cryan - ebenso wie sein neuer Kollege Tidjane Thiam bei Credit Suisse - noch in diesem Jahr zu einer Kapitalerhöhung greifen könnte. Cryan will allerdings möglichst um einen solchen Schritt herumkommen, wie er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt für die Deutsche Bank deutlich machte. Auch die italienische HypoVereinsbank-Mutter UniCredit sowie die französischen Institute Credit Agricole und Societe Generale arbeiten bereits eifrig daran, ihre Polster mit Sparmassnahmen aufzubessern. Sie liegen ebenfalls unter dem Schnitt der Grossbanken von 13,2 Prozent.

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Doch den Geldhäusern in Italien und Spanien stehe das böse Erwachen erst noch bevor, unken Experten. Denn noch gibt es nach Schätzungen der Analysten von Berenberg mehr als 150 nationale Ausnahmen bei der Berechnung der Kapitaldecke. Doch was, wenn die EZB die Steuergutschriften, mit denen die Institute dort die Kapitalquoten kräftig aufgehübscht hatten, nicht mehr als hartes Kernkapital anerkennt? «Dann könnten einige Zahlen im Vergleich zu anderen, stärkeren Banken sehr mager aussehen, die Gewinne einbehalten oder Kapital aufgenommen haben», sagt Fondsmanager Paul Vrouwes von NN Investment Partners.

(reuters/chb)