Nach Ansicht von Experten ist der amerikanische Markt für Schweizer Banken nicht mehr rentabel. Die US-Vorschriften für ausländische Finanzinstitute sind streng und kompliziert, das Risiko strafrechtlicher Verfolgung ist gross, und die Kosten sind hoch. Der amerikanische Markt müsse «um jeden Preis» gemieden werden, sagte der Genfer Bankrechtsspezialist Carlo Lombardini im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Der US-Markt sei schwierig, und die ausländischen Banken seien die Dummen.

Die USA auferlegten dem Rest der Welt Regeln, welche sie selber nicht befolgten, sagte Lombardini weiter. Das neue amerikanische Steuermeldegesetz FACTA (Foreign Account Tax Compliance Act) werde den ausländischen Banken «monströse Kosten» verursachen. Das Steuermeldegesetz soll nächstes Jahr in Kraft treten. Es verpflichtet ausländische Banken und Versicherungen, den amerikanischen Behörden steuerpflichtige Einkommen und Vermögen von US-Bürgern zu melden. Die Banken haben die Wahl: Entweder sie verzichten auf US-Kunden oder aber sie sind zur Zusammenarbeit bereit und entrichten eine Quellensteuer in Höhe von 30 Prozent. Die EU wollte von den USA im Gegenzug das gleiche verlangen. Washington habe jedoch mit Hinweis auf die hohen Kosten abgelehnt, ärgert sich Lombardini.

Experten sprechen von tödlicher Gefahr

Luc Thévenoz, Professor für Bankrecht an der Universität Genf, geht ebenfalls davon aus, dass sich die meisten Schweizer Banken angesichts der strikten US-Vorschriften von ihrer amerikanischen Klientel trennen werden. Wenn diese Finanzinstitute das US-Kundensegment nicht in diesem äusserst einengenden Rahmen verwalten könnten, «dann ist die Gefahr tödlich», sagte Thévenoz weiter. Das zeige der Fall der St. Galler Privatbank Wegelin, welche nach ihren Problemen mit der US-Justiz an die Raiffeisengruppe verkauft worden sei - mit Ausnahme des US-Geschäfts.

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Anfang Januar gab die Zürcher Kantonalbank (ZKB) bekannt, sie werde sich von allen ihren amerikanischen Kunden trennen. Durch den Druck der USA auf ausländische Banken sei das Risiko viel zu gross geworden, begründete die ZKB ihren Schritt. Die ZKB gehört zu dem knappen Dutzend Schweizer Banken, welche wegen mutmasslicher Beihilfe zur Steuerhinterziehung im Visier der amerikanischen Justiz sind. Nach US-Schätzungen geht es um rund 30 Milliarden Franken.

Nur UBS und CS können bleiben

Thévenoz vermutet, dass in der Vermögensverwaltung künftig noch zwei Kategorien von Schweizer Banken auf dem amerikanischen Markt tätig sein werden: zum einen jene Häuser, die sich um amerikanische Kunden kümmern, die in der Schweiz arbeiten, zum anderen solche Institute, die eigene Gesellschaften gebildet haben und nach den Richtlinien der US-Börsenaufsicht arbeiten und somit deklarierte Vermögenswerte verwalten.

Die beiden Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse führen ihre Investitionsgeschäfte in den USA zwar weiter, wenn auch - nach grossen Verlusten - in geringerem Umfang als früher. Laut Lombardini dürfte es diesen beiden Banken schwer fallen, sich aus dem amerikanischen Markt zurückzuziehen, da dies einem Eingeständnis «kolossaler Niederlagen» gleichkäme und einen Einsatzverlust bedeuten würde. Auch wenn Schweizer Banken sich von ihren amerikanischen Kunden trennten - das «Problem der Vergangenheit» bleibe bestehen, und zwar solange, wie sich die Schweiz und die USA nicht auf ein Steuerabkommen geeinigt hätten, sagte Thévenoz.

Er hält es für «unausweichlich», dass diese Banken eine Busse bezahlen müssen. Ein grosses - juristisches und politisches - Problem stelle die Herausgabe von Kundendossiers ausserhalb des Doppelbesteuerungsabkommens dar.

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(muv/sda)