Thomas Jordan versucht, die Wogen zu glätten «Die Märkte sind im Moment stark verunsichert, was verständlicherweise zu mehr Volatilität geführt hat», sagt er im Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» und der «Le Temps» am Samstag. «Wir stellen ein Überschiessen der Kursbewegungen fest und denken, es wird einige Zeit dauern, bis die Märkte zu geordneteren Verhältnissen zurückkehren», fügt der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) an.

Jordan ist überzeugt, dass die Schweizer Wirtschaft heute besser mit einem starken Franken umgehen könne. Die Situation sei nicht mit jener in 2011 zu vergleichen: «2011 sind wir aus einer grossen Finanzkrise gekommen, gleichzeitig hatten wir eine starke Aufwertung und grosse Verwerfungen in der Euro-Zone», sagt der SNB-Chef. Seither habe die Schweizer Wirtschaft dreieinhalb Jahre Zeit, sich anzupassen. Sie sei heute in einer wesentlich besseren Verfassung. Das zeigten die guten Exportzahlen, das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigungslage.

Jordan: Negativzinsen sind wirksam

Der Franken sei derzeit deutlich überbewertet, schätzt Jordan. Anleger seien jetzt mit hohen Negativzinsen konfrontiert. Der Franken werde deshalb äussert unattraktiv werden. «Die negativen Zinsen sind ein sehr wirksames Instrument», führt der SNB-Präsident aus. Die ganze Geldpolitik funktioniere schliesslich über die Veränderung der Zinsen. Neu sei, dass die Zinsen bis zu einem bestimmten Ausmass auch in den negativen Bereich gedrückt werden können.

«Unsere Zinssenkung macht das Halten von Franken gegenüber dem Euro oder Dollar deutlich teurer. Die negativen Zinsen werden über die Zeit stark wirken. Jeder Investor, der Franken hält, bezahlt für jeden Tag, während dessen er diese Position hält, negative Zinsen», erklärt Jordan. Irgendwann müssen sich Investoren deshalb überlegen, ob diese «Carry-Costs» gerechtfertigt seien oder ob es nicht besser sei, in eine andere Währung zu investieren.

Karrer: Negativzinsen sind unwirksam

Anderer Meinung ist Economie-Suisse-Präsident Heinz Karrer. Pikant: Karrer sitzt seit letztem Jahr im Bankrat. Der Bankrat besteht aus elf Mitgliedern. Sechs Mitglieder, darunter der Präsident und der Vizepräsident, werden vom Bundesrat ernannt. Fünf werden von der SNB-Generalversammlung gewählt. Der Bankrat beaufsichtigt und kontrolliert die Geschäftsführung der Nationalbank.

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In einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» zweifelt Karrer an der Wirksamkeit von Negativzinsen. Die Einführung im Dezember sei bereits von beschränkter Wirkung gewesen; es gäbe keine Anzeichen, dass dies nun anders sein soll, besonders weil die Rahmenbedingungen, also die entsprechenden Schwellenwerte, ab welchen bei der SNB parkierte Gelder negativ verzinst werden, nicht geändert wurden.

Karrer: Der Franken wird weiter steigen

«Die Nationalbank kann das Instrument auch nicht beliebig verschärfen», ergänzt Bankrat Karrer. Irgendwann komme der sogenannte «zero lower bound» zum Tragen. Die Leute würden einfach beginnen, Bargeld zu horten, um den Negativzinsen zu entgehen. «Erfahrungen aus den 1970er Jahren zeigen leider, dass Negativzinsen bei der Bekämpfung einer Aufwertung wenig helfen. Je nach Ausgestaltung kann das Instrument aber negative Folgen auf die Reputation des Finanzplatzes haben», sagt Karrer.

Und auch was die Entwicklung des Frankenkurses angeht, liegen sich SNB-Chef Jordan und Bankrat Karrer in den Haaren: «Der Franken gilt weiterhin bei vielen Anlegern als ‹sicherer Hafen›», sagt Karrer. Die weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Risiken seien gross, was zu einer hohen Nachfrage nach Schweizerfranken führe. Das werde sich auf absehbare Zeit nicht ändern. «Man muss vielmehr damit rechnen, dass die Volatilität und der Aufwertungsdruck auf den Schweizerfranken noch steigen werden», fügt er an.

SNB-Entscheid: Gewinner unter den Riesen im SMI

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Die SNB hat den Mindestkurs abgeschafft, die Schweizer Börse sackte ab. Dabei gibt es durchaus Firmen, die nicht ins Mark getroffen werden. Das sind die Gewinner im SMI: Lebensmittelgigant Nestlé produziert und verkauft oft lokal, also in den jeweiligen Abnehmerländern. Dadurch exportiert der Konzern kaum aus der Schweiz und muss nicht um seine Margen fürchten.

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