Najim Laachraoui stammt aus dem Brüsseler Stadtteil Schaerbeek. Der 24-Jährige ist mutmasslich einer der Drahtzieher der Terroranschläge in Brüssel und wohl auch an den Pariser Anschlägen vom vergangenen November beteiligt. Er steht sinnbildlich für ein grosses belgisches Problem: Kein EU-Land stellt mehr Dschihad-Reisende im Verhältnis zur eigenen Bevölkerung.

Laachraoui, der laut belgischen Medienberichten bei den Selbstmordattentaten vom Dienstag gestorben ist, soll im Jahr 2013 nach Syrien gereist sein. Er wurde im September vergangenen Jahres unter falscher Identität an der österreichisch-ungarischen Grenze zusammen mit Salah Abdeslam und Mohamed Belkaid kontrolliert, die beide als Verdächtige der Pariser Anschläge gelten. Laachraouis DNA wurde auf Sprengstoff gefunden, der bei den Anschlägen in Paris verwendet wurde.

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Im Dienst des IS

Seine Vergangenheit als Dschihad-Reisender wird Experten nicht überraschen – denn hunderte Belgier haben sich dem Kampf der radikalen Terrormiliz IS im Nahen und Mittleren Osten angeschlossen. Aus keinem anderen EU-Land sind im Verhältnis zur Bevölkerung mehr junge Männer für den IS in den Krieg gezogen, wie eine Grafik des Datenportals Statista zeigt.

Die belgischen Sicherheitsbehörden schätzen, dass in Syrien 300 Belgier für die Dschihadisten im Einsatz waren – bei einer Einwohnerzahl von elf Millionen. Es ist offensichtlich: Das Land hat eine grosse Szene radikaler Islamisten – und die Behörden scheinen den Überblick verloren zu haben. Deshalb wird auch die Kritik lauter.

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Aus der Türkei ausgewiesen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan goss am Mittwoch sogar noch Öl ins Feuer. Sein Land habe einen der Attentäter im vergangenen Sommer an der syrischen Grenze festgenommen und anschliessend ausgewiesen, sagte er. Die belgischen Behörden seien gewarnt worden, dass der Mann ein Extremist sei. Sie hätten dies jedoch ignoriert. Es handelte sich nach Angaben von Erdogans Büro um Ibrahim El Bakroui, der sich am Flughafen in die Luft sprengte.

Das Dementi aus Brüssel kam umgehend: Der belgische Justizminister Koen Geens hat den Vorwurf zurückgewiesen, Ibrahim El Bakraoui fahrlässig auf freiem Fuss gelassen zu haben. El Bakraoui habe in Belgien keine terroristischen Straftaten begangen, sagte Geens am Mittwochabend dem Sender VRT. Als El Bakraoui von der Türkei ausgewiesen wurde, sei er lediglich als normaler Straftäter auf Bewährung bekannt gewesen. Seinem Wissen nach sei El Bakraoui auch nicht nach Belgien, sondern in die Niederlande abgeschoben worden.

Belgische Minister bieten Rücktritt an

Das niederländische Justizministerium bestätigte am Donnerstag die Einschätzung. Ibrahim El Bakraoui wurde tatsächlich nach Holland abgeschoben. Der Schaden war aber schon angerichtet, die Politiker und Behörden blossgestellt.

Entsprechend boten Innenminister Jan Jambon und Justizminister Koen Geens ihren Rücktritt an. Premierminister Charles Michel lehnte die Rücktrittsgesuche angesichts der «Kriegssituation» aber ab, wie die belgische Nachrichtenagentur Belga schreibt.

12 Schweizer Dschihad-Rückkehrer

In der Schweiz sind weniger Fälle von Dschihad-Reisen bekannt: Die Behörden gehen aktuell von 72 Personen aus. 18 seien gestorben, schreibt das Verteidgungsdepartement (VBS) auf seiner Webseite. Elf Fälle seien bestätigt. Verfahren gegen mutmassliche Dschihadisten gibt es sprunghaft mehr, wie Bundesanwalt Michael Lauber sagte. Zum November sind es fast doppelt so viele.

Die Zahl der Dschihad-Rückkehrer beläuft sich hierzulande auf zwölf, wie das VBS weiter schreibt. Für Schlagzeilen sorgten zuletzt insbesondere die beiden minderjährigen Winterthurer Geschwister, die während eines Jahres in Syrien waren. Die Winterthurer Jugendanwaltschaft hat sich des Dossiers angenommen.