Politiker leben gefährlich. Täglich müssen sie Angriffe auf ihre Gesundheit abwehren. Während der Session können sie sich vor Einladungen zu üppigen Gelagen kaum retten. Glaubt man den Erzählungen der Politprofis in der letzten «Arena», drohen gar Fresssucht und Alkoholismus.

Die Nation beschäftigt sich derzeit hysterisch mit den Risiken des Parlamentarierdaseins. Seit Eisenbahntycoon Peter Spuhler seinen Rücktritt als Nationalrat der SVP bekannt gab und nun auch SVP-Unternehmer Hansruedi Wandfluh damit liebäugelt, steht das Milizparlament am Pranger. «Warnung des Bundesamtes für Gesundheit: Die Doppelbelastung aus Beruf und Politik schadet langfristig», steht zwar noch nicht auf jeder Wahlliste – aber wohl bald, ist zu befürchten.

Lobbyisten regieren dreist in den Gesetzgebungsprozess hinein

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Dabei wirkt die Diskussion über die Nachteile der Teilzeit-Legislative reichlich abgestanden. Irgendjemand vernachlässigt immer irgendetwas, es menschelt eben auch hier gewaltig. Regelmässig bekommen dann die Prediger eines Berufsparlamentes kurzzeitig starken Auftrieb. Ihre Argumente klingen zunächst einleuchtend. In einer komplexer werdenden Welt wirke die milizbetriebene Bundespolitik wie ein Anachronismus. Die Amateurtruppe agiere hilflos mitten in einem hochprofessionellen Umfeld. Die Instrumentalisierung der Politik erreiche ein nie da gewesenes Ausmass.

Tatsächlich regieren Lobbyisten dreist in den Gesetzgebungsprozess hinein. Sie hausieren in der Wandelhalle mit einseitig gefärbtem Expertenwissen. Sie verfassen das jeweils passende Argumentarium. Sie locken mit gutbezahlten Verbandsmandaten oder Verwaltungsratssitzen. Doch wird mit einem Berufsparlament alles besser? Macht der Status des üppig ausgestatteten Profipolitikers immun gegen Einflüsse von aussen?

Das glauben nur die Naiven. Sie verweisen gerne auf die fürstlichen Strukturen in den Nachbarländern, die die Bildung einer unabhängigen Meinung erst möglich machten. So erhält etwa ein Mitglied des Bundestages rund das Doppelte seines Schweizer Kollegen. Pro Monat macht das rund 9800 Franken plus Kostenpauschale von 4800 Franken und 18600 Franken für Mitarbeiter.

Milizsystem minimiert die Anzahl abgehobener Volksvertreter

Aber genützt hat das offenbar wenig. Die Klagen über den schädlichen Einfluss der Lobbyisten gehören auch in Deutschland zur tagespolitischen Routine. Rund 5000 Interessenvertreter buhlen in Berlin um den Zugang zur Macht. Sie sponsern Parteitage, platzieren Unternehmensvertreter als Leihbeamte in Ministerien und bringen es sogar fertig, dass eine SPD-Generalsekretärin pressewirksam in eine Nobelkarosse steigt. Gut bezahlte Nebentätigkeiten sorgen in der Öffentlichkeit regelmässig für Argwohn. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kriegt das derzeit zu spüren. Das Idol teutonischer Steuerfahnder muss sich wegen seiner Reden bei Banken als «Knecht des Kapitals» beschimpfen lassen.

Das Milizsystem kann also getrost weiter betrieben werden. Immerhin fliesst dort Wissen aus dem Berufsleben in die Politikarbeit ein. Das minimiert die Anzahl abgehobener Volksvertreter, die im Raumschiff Politik den Kontakt zum realen Geschehen längst verloren haben. An dieser Erkenntnis ändert die Tatsache wenig, dass ein Teil der Parlamentarier nebenbei keinen Beruf mehr ausübt. Freilich geht es nicht ohne Reformen. Parlamentarier brauchen mehr Mittel für Mitarbeiter, die für sie Recherchen erledigen. Nur so können sie die Komplexität des Politikgeschäfts auffangen.

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Übrigens bleiben auch Berufsparlamentarier machtlos gegen Cholesterin und Promille. Es gebe es eine Vielzahl von Abenden «mit Buffets und Catering, um Politiker zu beeinflussen», sagt der deutsche Umweltminister Peter Altmaier. Der gut genährte Hobbykoch weiss, wovon er spricht.