Laufend reisen mehr russische Touristen in die Schweiz. Was zieht sie an?
Nadia Sikorsky: Nichts anderes als andere Touristen auch. Die Schweiz ist ein hochentwickeltes Land mit wunderschöner Landschaft, einer modernen Infrastruktur, einem tollen Kulturangebot. Das ist nun mal attraktiv. Zudem gibt es viele historische Beziehungen. Russen besuchen gerne Vladimir Nabokovs Grab in Montreux oder das Cabaret Voltaire in Zürich. Nicht zuletzt liegt die Schweiz nahe.

Welches Image geniesst die Schweiz in Russland?
Es gibt viele Stereotypen. Wer noch nie hier war, denkt natürlich an Schokolade, Banken und Uhren. Und er kann sich nicht vorstellen, dass es in der Schweiz Bettler und Drogensüchtige gibt. Doch je mehr die Leute reisen, desto realistischer wird das Bild.

Umgekehrt werden Russen hier oft als ungehobelt und ungebildet angesehen.
Das Bild wird wohl oft durch ­Berichte in den Medien geprägt und ist ­genauso falsch wie das der Schokoladen-Schweiz. Natürlich gibt es in Russland ­ungehobelte Leute, aber nicht mehr als anderswo.

Auch die Zuwanderung aus Russland steigt stetig. Was macht die Schweiz für diese Russen attraktiv?
Hauptgründe sind sicher die ­Sicherheitslage und der Schutz der Privatsphäre, die in der Schweiz besser sind. Doch die Gründe sind am Ende sehr individuell. Einige suchen eine gute medizinische Versorgung, andere eine gute Ausbildung für ihre Kinder. Viele kommen aber natürlich wie andere auch aus beruflichen Gründen. Sie bieten ihr Wissen an und ­bekommen dafür einen guten Lohn und gute Sozialleistungen.

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Aussenstehende haben oft den Eindruck, russische Immigranten seien alle reich.
Ja, es leben hier einige russische Oligarchen. Diese Superreichen bekommen in den Medien unverhältnismässig grosse Aufmerksamkeit. Jeder Schweizer kennt Victor Vekselberg. Stanislav Smirnov, ein russischer Mathematiker der Universität Genf – den kennt kaum jemand. Dabei brachte er dem Land die ­erste Fields-Medaille der Geschichte. Das ist eine der höchsten Auszeichnungen, die man auf diesem Gebiet erreichen kann.

Wie gut sind die Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz insgesamt?
Sie verbesserten sich in den letzten Jahren spürbar. Das zeigte sich auch daran, dass 2009 mit Dmitri Medwedew zum ersten Mal ein russisches Staatsoberhaupt der Schweiz einen offiziellen Besuch abstattete. Auch als 2011 Wladimir Putin zur UNO nach Genf reiste, war das eine Premiere. Inzwischen existieren eine Reihe von bilateralen Vereinbarungen – von der militärischen Ausbildung bis hin zur Rechtshilfe.

Jetzt lädt Russland die Schweiz zum G20-Gipfel ein. Was steckt dahinter?
Die G20 versuchen wirtschaft­liche Probleme zu lösen und die Finanzstabilität zu erhöhen. Es ist logisch, dass ein Land mit einem solchen Know-how wie die Schweiz involviert wird. Es ist wohl auch eine russische Art, «Danke» zu sagen für geleistete Dienste. Die Schweiz half Russland, in die WTO zu kommen, und vermittelte im Krieg mit Georgien.