Nach der Abwahl Blochers 2007 aus dem Bundesrat verstärkte die SVP ihre Angriffe auf Institutionen. Gibt es einen Masterplan?
Andreas Ladner: Masterplan ist ein gros­ses Wort. Auf der einen Seite gibt es die Vorstellung der SVP, wie die Schweiz organisiert sein sollte und welche Rolle sie ­gegenüber anderen Staaten einzunehmen hat, daran hat die Abwahl Blochers nichts geändert. Auf der anderen Seite gibt es die mit der Abwahl verbundene Kränkung. Die Partei fühlt sich ausgeschlossen und stellt sich nun auf den Standpunkt, Oppositionspolitik betreiben zu müssen. Dazu gehört, rücksichtslos Institutionen und Personen zu bekämpfen, die ihr nicht ins Konzept passen oder sich gegen sie gestellt haben.

Im Fokus stehen Institutionen wie SRG, Bundesanwaltschaft oder Nationalbank. Nach welchem Muster erfolgen die Angriffe?
Bei der SRG sind sie klar politisch motiviert. Die SVP hat das Gefühl, ihre Anliegen stiessen innerhalb der SRG auf zu wenig Sympathien. Zudem weiss sie, wie wichtig der Zugang zu den Medien für ihre Politik ist. Im Fall der Schweizerischen Nationalbank forderte die SVP bereits 2010 den Rücktritt Philipp Hildebrands. Bei der Bundesanwaltschaft war mitunter die Affäre um den Banker Holenweger der Auslöser, der den Bundesanwalt Roschacher zu Fall brachte. In beiden Fällen brachte die SVP ihre Angriffe auf eine grundsätzlichere Ebene, in der es um Regulierung und Aufsicht ging. So versucht sie sich als Retterin der Institutionen darzustellen.

Verteidigt die SVP nicht auch die Interessen der Grossbanken? Sie bekämpften die SNB und die «Too big to fail»-Vorschriften.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich die SVP als Ganzes als Vertreterin der Hochfinanz versteht. Bei einzelnen Exponenten mag dies der Fall sein. Bei Fällen wie der Suva oder der Steuerpolizei dürfte eher wieder ihre Ablehnung eines starken Staates im Vordergrund stehen.

Ist der Rücktritt von Hildebrand jetzt die Krönung der SVP-Strategie?
Es ist seit über einem Jahr das erklärte Ziel der SVP, dass Hildebrand abtreten muss. Darauf wurde hingearbeitet.

Für Blocher ist es aber ein grosser Sieg.
Ja, wenn das Parlament nachzieht, die Reglemente neu geschrieben werden und die Aufsicht gestärkt wird. Die SNB-Affäre zeigt, wie konsequent Blocher Ziele verfolgt und wie wenig zimperlich er ist.

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Nach Hildebrands Rücktritt wird die SVP ihre Strategie noch aggressiver verfolgen.
So wie es den Anschein macht, war das nur ein erster Schritt. Als Nächstes sollen der Bankrat und dann die Verantwortlichen im Bundesrat an die Reihe kommen. Da entsteht natürlich der Verdacht, dass es sich um einen Rachefeldzug handelt. Und darüber dürften letztlich nicht alle in der SVP glücklich sein. Man kann nicht gleichzeitig Stachel in der Schweizer Politik sein und sich politische Verbündete schaffen, mit denen man Mehrheiten zustande bringt.

Blocher ist der Strippenzieher.
Er hat sicher seine Agenda. Aber es gibt einen Grundkonsens, auf dem die SVP operiert. Das ist für mich der Masterplan. Er beruht auf einer starken Betonung der Volkssouveränität und der Angst, dass wir als Bürger immer weniger entscheiden können. Das ist nicht einmal völlig unbegründet, die Welt ist zunehmend vernetzt, die in­­ter­nationalen Abhängigkeiten nehmen zu. Diese Entwicklung findet statt, man kann sie nicht aufhalten. Aber man muss in dieser Situation nicht den Untergang der Schweiz an die Wand malen, sondern kann versuchen, das Beste daraus zu machen.

Andreas Ladner, Professor für schweizerische Verwaltung und institutionelle Politik, Lausanne