Die Präsidentschaftswahlen in Brasilien werden weltweit mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Brasilien hat sich in den letzten Jahren im Vergleich zu anderen Schwellenländern unterdurchschnittlich entwickelt. Der Wunsch nach Veränderung ist bei vielen Brasilianern gross. Trotzdem zeigen die jüngsten Umfragen einen klaren Vorsprung für die amtierende Präsidentin Dilma Rousseff.

Die brasilianische Währung Real fiel am Donnerstag im Vergleich zum US-Dollar auf ein neues Fünf-Jahres-Tief. Für einen Real gab es drei Tage vor der Wahl noch 0,4007 Dollar. Einen Monat vorher – am 3. September – hätte man 0,4476 Dollar bekommen. Damals lag Marina Silva in Umfragen für einen möglichen zweiten Wahlgang fast zehn Prozentpunkte vor Dilma.

«Wer kann Reformen umsetzen?»

«Was die Märkte brauchen, ist die Aussicht auf eine stabile Regierung», sagt ZKB-Analyst Anastassios Frangulidis. Brasilien befinde sich seit einiger Zeit in einer schwierigen konjunkturellen Lage. Darunter leide insbesondere die neue Mittelschicht, so Frangulidis. Dass gleichzeitig viel Geld in sportliche Grossanlässe gesteckt werde, stosse in breiten Teilen der Bevölkerung auf Unverständnis. «Die Frage lautet deshalb: Wer kann Reformen umsetzen?»

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Auf wen die Anleger setzen, scheint klar. Als Marina Silva nach dem Unfalltod von Eduardo Campos ins Rennen stieg, schoss der Leitindex Bovespa getragen von den Umfrageergebnissen in ungeahnte Höhen. Doch seit Dilma Rousseff ihre Aufholjagd gestartet hat, stürzen auch die Aktien wieder ab.

Staatsausgaben kürzen

Aus Investorensicht gäbe es gute Gründe für das Interesse am Ausgang der Wahlen, schreibt auch die Credit Suisse in ihrem Newsletter «Investment Weekly» vom 26. September. Erstens habe der brasilianische Präsident erhebliche Macht, zweitens könnten wegen des schwachen Konjunkturausblicks bald Reformen nötig werden und drittens gäbe es in Marina Silva eine ernstzunehmende Oppositionskandidatin, erklärt die Schweizer Grossbank.

Die amtierende Regierung von Dilma Rousseff habe in den letzten Jahren immer wieder zu interventionistischen Mitteln gegriffen, so die Credit Suisse. Diese seien «von einkommensschwächeren Bevölkerungsgruppen begrüsst, von Unternehmen und ausländischen Anlegern hingegen abgelehnt worden.» Ernsthafte Reformen seien von der gegenwärtigen Regierung eher nicht zu erwarten. «Eine Wiederwahl von Dilma Rousseff würde bedeuten, dass sich an den gegenwärtigen geld- und fiskalpolitischen Regimes nicht viel ändert.»

Marina Silva strebe dagegen eine Kürzung der Staatsausgaben, eine stringentere Geldpolitik und eine unabhängige Zentralbank an, so die Credit Suisse. «Unseres Erachtens würde sich daher die Marktstimmung und das Geschäftsklima verbessern, falls Silva gewählt wird.»

Aécio Neves holt gegenüber Silva auf

Davon ist die 56-jährige Umweltaktivistin zur Zeit aber weiter entfernt als noch vor ein paar Wochen. Drei Tage vor der Präsidentschaftswahl in Brasilien liegt Amtsinhaberin Dilma Rousseff in Umfragen deutlich vorn. Um eine Stichwahl kommt sie aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht herum. Gegen wen sie dabei antritt, ist noch offen.

Gemäss der Umfrage des Datafolha-Institutes von Freitag kann die der links-zentristischen Arbeiterpartei (PT) angehörende Rousseff am Sonntag mit 40 Prozent der Stimmen rechnen. Ex-Umweltministerin Marina Silva von der Sozialistischen Partei käme auf 24 Prozent. Ex-Gouverneur Aécio Neves, der für die eher im Mitte-Rechts-Spektrum stehenden Sozialdemokraten antritt, würde 21 Prozent erreichen.

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Trendwende ist noch möglich

In einem zweiten Wahlgang zwischen Marina Silva und Dilma Rousseff wären dann aber die Chancen für die Herausfordererin nicht mehr so schlecht. Dies obwohl Dilma in Umfragen auch hier die Führung übernommen hat. Beiden Kandidatinnen stünden dann die gleichen TV-Wahlwerbezeiten zur Verfügung, nachdem bisher die Präsidentin in den Medien klar dominieren konnte. «Somit könnte der derzeit erkennbare Aufwärtstrend für Rousseff im Hinblick auf die zweite Runde gestoppt werden», glaubt die Credit Suisse.

Gefährlich werden könnte Dilma Rousseff auch ein sich anbahnender Korruptions-Skandal im Zusammenhang mit der Affäre um Ex-Petrobras-Chef Paulo Roberto Costa. Dieser wurde kürzlich aus der Untersuchungshaft entlassen, nachdem er gegenüber Ermittlern offenbar Namen von korrupten Politikern aus Dilmas Arbeiterpartei preisgegeben hatte.

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Dass auch ein Wahlsieg von Marina Silva nicht automatisch einen konjunkturellen Aufschwung bedeuten muss, ist indes auch für die Credit Suisse klar. Im Parlament wird die Arbeiterpartei auch nach den Wahlen eine wichtige Kraft bleiben.«Während auf der einen Seite die Bereitschaft von Dilma Rousseff zu politischen Veränderungen begrenzt ist, könnten auf der anderen Seite die Möglichkeiten von Marina Silva, Reformen umzusetzen, eingeschränkt sein.»

(mit Material der sda)