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Votum
Brexit-Wahlkampf nimmt wieder Fahrt auf

Nach dem Mord an Jo Cox ruhte der Brexit-Wahlkampf. Drei Tage vor dem historischen Entscheid entflammt die Debatte aber wieder. Die Wirtschaft fürchtet den Bedeutungsverlust.

Veröffentlicht am 20.06.2016

Drei Tage vor dem historischen EU-Referendum in Grossbritannien ist der Wahlkampf wieder entbrannt. Premierminister David Cameron beschuldigt das Brexit-Lager, mit unwahren Behauptungen und falschen Zahlen zu arbeiten.

Der Austritts-Wortführer Boris Johnson wiederum hält dem Pro-EU-Lager politische Ratlosigkeit vor. In der EU bleiben, bedeute, «hinten in einem Auto eingesperrt zu sein, das jemand fährt, der nicht gut Englisch spricht und in eine Richtung steuert, in die wir nicht wollen», schrieb er in einen Namensartikel für den «Daily Telegraph».

Kopf-an-Kopf-Rennen

Zugleich steht am Montagnachmittag eine Sondersitzung des Parlaments zum Gedenken an die ermordete Abgeordnete Jo Cox an. Nach dem Tod der Frau am vergangenen Donnerstag ruhte der Wahlkampf zunächst für einige Tage. Cameron und andere Politiker plädierten dafür, es dürfe keinen Hass und keine überzogene Härte in der politischen Debatte geben.

Nach wie vor ist unklar, inwieweit der Tod der Pro-EU-Anhängerin den Ausgang des Referendums am Donnerstag (23. Juni) beeinflussen könnte. Umfragen, die teilweise davor, teils nach der Ermordung gemacht wurden, sprechen von Zugewinnen des Pro-EU-Lagers. Allerdings sieht es nach wie vor nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus.

Auto-Manager fordern Verbleib

Zugleich sprachen sich Top-Manager der britischen Autoindustrie für einen Verbleib in der Gemeinschaft aus. Ein Brexit könnte Jobs und Investitionen gefährden. Vor allem in der Finanzbranche geht das Schreckgespenst um. Die meisten Geldhäuser sind zwar der Ansicht, dass sie einen Brexit operativ relativ gut wegstecken könnten. Doch die drohenden mittelbaren Folgen – Marktturbulenzen, ein Einbruch der Wirtschaft und eine Zementierung der ultraniedrigen Zinsen – würden den Finanzinstituten zu schaffen machen.

Bankaktien geraten deshalb seit Wochen immer dann besonders stark unter Druck, wenn Prognoseinstitute eine steigende Brexit-Gefahr ausmachen. Die Papiere der Credit Suisse fielen in den vergangenen Tagen auf ein Allzeittief. Sehen die Prognosen aber eine steigende Chance auf einen Verbleib – so wie am heutigen Montag – ziehen die Kurse wieder kräftig an. Die Aktien von Julius Bär, UBS und Credit Suisse gewinnen allesamt deutlich mehr als 4 Prozent im morgendlichen Handel.

Spekulationen um Dominoeffekt

London zählt zu den wichtigsten Finanzzentren der Welt. 41 Prozent des globalen Devisenhandels findet beispielsweise in der britischen Hauptstadt statt. Auch grosse kontinentaleuropäische Geldhäuser sind deshalb stark an der Themse vertreten, vor allem im Investmentbanking. Der drohende Brexit ist deshalb auch für sie ein grosses Thema.

Intensiv beschäftigen sich Banker zudem mit der Frage, ob es nach einem Brexit zu einem Dominoeffekt käme – und die Märkte beginnen, über einen EU-Austritt von Italien oder Portugal zu spekulieren. Institute, die Staatsanleihen dieser Länder in den Büchern haben, müssten sich dann auf Buchverluste einstellen, sagte ein deutscher Bankvorstand zur Nachrichtenagentur Reuters. «Das müssten wir dann eben aushalten.» Zudem müssten einige Geldhäuser nach einem Brexit ihre Prognosen anpassen, etwa zum erwarteten Wirtschaftswachstum.

Verlagerung in die EU

Banken, die auf der Insel in grösserem Stil aktiv sind, müssten zudem bestimmte Geschäfte in die EU verlagern. Konkrete Pläne dafür haben die meisten Geldhäuser aber noch nicht, schliesslich würde Grossbritannien erst nach einer zweijährigen Übergangsphase aus der EU ausscheiden.

Institute, die grosse IT-Zentren in Grossbritannien haben, müssten aus Sicht von Experten auch diese verlagern – denn der Datenaustausch mit Drittstaaten ist oft kompliziert und streng reguliert.

Händler fordern Inselpass

Bereits gehandelt haben einige ausländische Bankmitarbeiter, die im Fall eines Brexit um ihre Aufenthaltsgenehmigung in Grossbritannien bangen, wie ein Berater erzählt. «Die Zahl der Händler und Manager, die eine britische Staatsbürgerschaft beantragt haben, ist zuletzt deutlich gestiegen.»

(sda/reuters/awp/ise/chb)

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