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Fehleinschätzung
Brexit: Wettanbieter lagen falsch – auf den ersten Blick

Geldschein: Für Buchmacher war der Brexit ein gutes Geschäft. Keystone

Es war überall zu lesen: Wettanbieter rechnen nicht mit einem Brexit. War die Prognose also falsch? Nicht unbedingt - vielleicht hat man den Buchmachern nicht richtig zugehört.

Von Marc Bürgi
am 24.06.2016

Der Entscheid der Briten hat die Börsen überrascht: Die ganze Woche lang waren die Kurse gestiegen, die Anleger verloren zunehmend die Angst vor einem Brexit. Ihren Optimismus schöpften sie aus Meinungsumfragen, die zuletzt gegen einen Brexit sprachen. Vielleicht genauso wichtig war aber die Einschätzung der Spieler: Die Wettquoten der grossen Buchmacher deuteten klar auf ein Nein zum Brexit hin.

Viele Investoren vertrauten mehr auf die Wettbüros als die Meinungsforscher: Vor zwei Jahren sagten die Wettquoten präzise den Entscheid der Schotten gegen die Unabhängigkeit voraus – im Gegensatz dazu hatten mehrere Umfragen auf eine Abspaltung hingedeutet. Auch den Wahlsieg der Konservativen in den letztjährigen Wahlen hatten die Buchmacher anders als manche Prognostiker richtig in Aussicht gestellt.

Kleine Spieler hatten die richtige Nase

Nun aber lagen die Wettquoten falsch – beim grossen Anbieter Ladbrokes wurde beispielsweise gestern Donnerstagabend die Wahrscheinlichkeiten für den «Bremain» mit 90 Prozent angegeben.

 

Auf den zweiten Blick spiegelten die Wettbüros aber den Trend richtig: Zwar wurde mehr Geld auf ein «Bremain» gesetzt – aber von weniger Leuten: Bei Ladbrokes wetteten zeitweise bis zu 80 Prozent der Spieler auf einen Brexit, auch bei den Konkurrenten William Hill und Paddy Power setzten sie mehrheitlich auch auf den Austritt.

Für das Missverhältnis haben die Buchmacher eine einfache Erklärung zur Hand: Vor allem die wohlhabenden Briten setzten gegen einen Brexit – und sie konnten sich grössere Wetteinsätze leisten. «Ich sehe keine Beweise, dass die Wetten durch eine Geldelite manipuliert wurde», sagte ein Sprecher vom Ladbrokes der Zeitung Guardian.

Ein gutes Geschäft für die Buchmacher

«Buchmacher offerieren nicht politische Wetten, damit Leute den Wahlausgang vorhersagen können. Wir bieten sie an, um Geld zu verdienen – und in diesem Fall hat es sich für uns ausbezahlt», wird der Sprecher zitiert. Für die Wettanbieter war ihre «Fehlprognose» also ein sehr gutes Geschäft – allein in Grossbritannien wurden rund 40 Millionen Pfund auf die Abstimmung gesetzt.

In einer offizielle Mitteilung gibt sich Wettanbieter Ladbrokes aber dennoch selbstkritisch: «Das Resultat wirft fraglos neue Fragen auf, und wir müssen uns Zeit nehmen, um die vollen Konsequenzen für unser Unternehmen und die Wettindustrie zu verstehen.»

Schon läuft die nächste Wette

Doch nach dem Spiel ist für die Buchmacher vor dem Spiel: Bereits laufen Wetten, wer David Cameron als Premier ablöst. Favorit bei den Buchmachern ist Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson. Diese Prognose ist mit Vorsicht zu geniessen.

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