1. Home
  2. Politik
  3. Britische Unis und Forschung stehen auf der Kippe

Szenario
Britische Unis und Forschung stehen auf der Kippe

Bootsrennen zwischen Cambridge und Oxford: Brexit wäre schlecht für Unis. Keystone

Nicht nur der Handel und die Finanzen würden unter einem Brexit leiden, sondern auch das britische Uni-System. Viele bei Ausländern beliebte Hochschulen müssten die Gebühren massiv erhöhen.

Veröffentlicht am 18.06.2016

Ein britischer EU-Austritt könnte nicht nur auf Handel und Finanzen durchschlagen - auch Universitäten im Vereinigten Königreich drohen empfindliche wirtschaftliche Konsequenzen. Viele der bei Gaststudenten und -forschern beliebten Hochschulen dürften im Brexit-Fall die Gebühren für EU-Bürger massiv anheben.

«Das ist ein sehr wahrscheinliches Szenario», schätzt der Bildungsökonom Stefan Wolter von der Universität Bern. Unis, die weniger renommiert sind, müssten sich dann auf einen Nachfrageeinbruch einstellen - der durch sinkende staatliche Finanzierung noch verschärft werden könnte.

Mittel- und unterklassige Unis würden büssen

«Unis mit exzellentem Ruf wie Oxford oder Cambridge werden ohne Probleme zu höheren Gebühren übergehen können», sagte Wolter der Nachrichtenagentur dpa.

«Anders dürfte es aber aussehen für mittel- oder unterklassige Unis: Bei ihnen war das Preis-Leistungs-Verhältnis für EU-Studenten bisher attraktiv. Ihnen bräche dann möglicherweise ein Teil der Kundschaft weg.» Derzeit müssen EU-Ausländer an britischen Hochschulen in der Regel nicht die deutlich teureren «overseas fees» zahlen.

Auch die Forschung und - damit verbunden - der Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte würden einen Brexit spüren, warnte Wolter. «Wenn es zu einem Ausschluss von EU-Forschungsgeldern kommen sollte, könnte es grössere Verschiebungen geben. Viele dieser Forscher sind höchst mobil, sie dürften sich dann schnell in Richtung anderer Länder orientieren.»

Schweizer Unis ebenfalls ausgeschlossen

Das habe man teils auch in der Schweiz gesehen, «als wir 2014 von den europäischen Töpfen ausgeschlossen wurden».

Kaum zu beziffern seien die Effekte auf die gesamte Wirtschaft. Fast ein Viertel der Studenten in Grossbritannien kam 2014/2015 aus den übrigen EU-Staaten. «Die Gaststudenten geben viel Geld für die Lebenshaltung aus - ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor», meinte der Ökonom.

«Mit Blick auf die fremdenfeindlichen Argumente, die es im Wahlkampf ums Referendum gibt, muss man schon das Problem sehen: Diese Stimmung kommt auch bei Akademikern aus dem Ausland an, die sich unwillkommen fühlen.» Das sei schlecht fürs Image.

Rezession schlecht fürs Uni-System

Die Ratingagentur Moody's hatte im Mai vor finanziellen Einbussen für den britischen öffentlichen Sektor gewarnt, sollte am 23. Juni ein EU-Austritt beim Referendum beschlossen werden. Dies würde vor allem die Universitäten und den Londoner Nahverkehr treffen.

«Zugleich könnten die Einnahmen durch schwächeres Wachstum und eine gebremste Zuwanderung unter Druck geraten», schrieb Analystin Jennifer Wong.

Für den Fall einer Rezession sieht auch Wolter Gefahren für das Uni-System: «Die eigene Finanzierung würde schwieriger, das Abziehen von Geld aus Brüssel könnte nicht national ausgeglichen werden. Nur wenn die Wirtschaft relativ gut aus dem Brexit kommt, gäbe es wohl genügend Mittel, um Schäden im Hochschulwesen einzudämmen.»

(sda/gku)
 

Anzeige