Die Bundesinformatik kommt nicht zur Ruhe. Wegen auslaufender Verträge muss der Bund die zentrale Software zur Verwaltung all seiner Geschäfte neu ausschreiben. Dazu fällte der Bundesrat erste Entscheide. Es könnte zu einem grösseren Wechsel kommen.

Unter der Abkürzung GEVER arbeitet die Bundesverwaltung seit 1999 an einer Informatiklösung, um all ihre Geschäfte elektronisch abzuwickeln. Wie zahlreiche andere Informatikprojekte geriet auch GEVER - die elektronische Geschäftsverwaltung - immer wieder in die Schlagzeilen.

Zuletzt setzte es Kritik von der parlamentarischen Oberaufsicht ab. Die Finanzdelegation (FinDel) bemängelte im April 2013 unter anderem, dass die Kosten des Grossprojekts nicht beziffert werden könnten. Sie stellte auch fest, dass der Bundesstandard nicht in allen Departementen umgesetzt wurde. Mehrere setzten auf eigene Programme, um ihre Dossiers elektronisch zu führen.

Wider den Wildwuchs

Nun bereitet der Bundesrat eine Art Befreiungsschlag vor. Er beschloss, dass künftig bundesweit nur noch zwei Produkte für die elektronische Geschäftsverwaltung zum Einsatz kommen sollen, wie die Bundeskanzlei mitteilte. Heute gibt es eine Standardsoftware namens Fabasoft.

Der Bundesrat hatte jedoch keine andere Wahl: Die Ausschreibung werde notwendig, weil die rund zehnjährigen Verträge unter anderem zu Fabasoft ausgeschöpft seien, teilte die Bundeskanzlei auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda mit.

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Die Softwarelösung Fabasoft, die nicht alle Departement einsetzen, könnte somit mit der Neuausschreibung nach WTO-Regeln abgelöst werden. Fabasoft könnte laut Bundeskanzlei ersetzt werden, falls im Rahmen des Beschaffungsverfahrens andere Produkte die gestellten Anforderungen besser erfüllen beziehungsweise deren Hersteller ein wirtschaftlicheres Angebot einreichen würden.

Auch alle departementseigenen Lösungen sind künftig nicht mehr zulässig. Aus wirtschaftlichen Überlegungen sollen nur mehr die zwei neuen Produkte zum Einsatz kommen.

Mindestens 6 Millionen Franken

Zu den Kosten der Übung kann die Bundeskanzlei nur beschränkt Auskunft geben. Sicher sei, dass die Beschaffung 1,2 Millionen Franken kosten werde. Für die Anpassung eines neuen Produkts an die Bundesvorgaben veranschlagt sie 2,4 Millionen Franken. Kommen zwei neue Anbieter zum Handkuss, kostet dies also total 6 Millionen Franken.

Nicht eingeschlossen sind die Einführungskosten für die einzelnen Departemente. Dass deren Kosten beim GEVER-Projekt nie zusammengetragen werden konnten, und somit ein Kosten-Nutzen-Vergleich nie möglich war, war Hauptkritikpunkt der FinDel. In unbestätigten Medienberichten war die Rede von über 100 Millionen Franken.

«Keine Zusatzkosten»

Sollte es zu einem Systemwechsel kommen, geht die Bundeskanzlei indes davon aus, dass dieser schon 2017 amortisiert wäre. "Aus heutiger Sicht entstehen keine Zusatzkosten", schreibt sie. Durch die Beschränkung auf zwei Lösungen könnten dank Harmonisierung sogar Kosten gespart werden.

Die neuen Produkte dürften laut Bundeskanzlei in ungefähr zweieinhalb Jahren einsatzbereit sein. Um die heutigen Software-Lösungen weiter benutzen zu können, will der Bundesrat die Lizenzen im freihändigen Verfahren verlängern. Für welche Dauer dies geschehen soll, will er Anfang 2014 entscheiden.

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Dass nach genau zwei standardisierten Produkten gesucht wird, begründet die Bundeskanzlei damit, dass keine Monopolsituation mit nur einem Anbieter entstehen soll. Mehr sollten es aber nicht sein, damit die Schnittstellen gering gehalten werden könnten.

Ein zweites Projekt neben der österreichischen Fabasoft-Lösung gab es bereits einmal: Es hiess "GEVER Office", basierte auf Microsoft-Technologie und existierte von 2008 bis 2011. Bis es gestoppt wurde, betrugen die Entwicklungskosten 7,5 Millionen Franken.

(sda/chb)