Der Ärger über die Pläne der französischen Regierung zur Reichensteuer war gross. So gross, dass sich der französische Schauspieler Gérard Depardieu nicht zweimal bitten lies und den russischen Pass aus der Hand von Wladimir Putin ohne Zögern entgegennahm.

Doch während der gebürtige Franzose den Schritt nicht bereut und viel Positives über das ehemalige Zarenreich zu sagen hat, scheinen An- leger wenig überzeugt zu sein vom ehemals kommunistischen Land.

Defizite bei der Corporate Governance

Seit der Lehman-Pleite zogen internationale Investoren in 15 von 18 Quartalen Geld ab. Sie klagen über Defizite bei der Corporate Governance und über Benachteiligung von Minderheitsaktionären, über regulatorisches Risiko, schlechte Transparenz und Korruption. Aktuell ziehen auch dunkle Wolken über den Konjunkturhimmel. So fiel der Ein- kaufsmanagerindex der Fertigungsindustrie zum ersten Mal seit zwei Jahren unter 50 Punkte.

All das drückt die Aktienkurse. In den letzten zwölf Monaten verlor der russische Leitindex RTS 5,3 Prozent. Im Vergleich zum Jahres- anfang beträgt das Minus 11,1 Prozent. Infolge des Kursrückgangs sind die Bewertungszahlen im Keller. So beträgt das Kurs-Gewinn-Verhält-

nis (KGV) des Marktes nur rund 6, das Kurs- Buchwert-Verhältnis 0,7. Damit ist der russische Aktienmarkt so günstig wie kaum ein anderer, und die bekannten Probleme sind eingepreist. Aber es gibt keine spannende «Investmentstory», die Anleger locken würde.

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G20-Gipfel in St. Petersburg

Vielleicht bringt nächsten Monat der G20- Gipfel in St. Petersburg Bewegung. Gastgeber Russland drängt auf höhere globale Investiti- onsvolumen, um die Weltwirtschaft anzukurbeln. Auch die Unterstützung von Investoren durch die Politik ist ein Thema. Im Auge zu be- halten ist ferner die Absicht der Regierung, das Land bis 2020 zum internationalen Finanzzentrum auszubauen. Zudem startete Ende 2012 eine Anti-Korruptions-Kampagne, und es gibt mehr Privatisierungsbestrebungen. Die Investmentstory lautet also: Das Land ist reich an Rohstoffen und die Bevölkerung gut ausgebildet. Kommen Reformen, steigt die Börse rasch.

Einer der Profiteure wird Mobile TeleSys- tems (ISIN: US6074091090) sein. Der führende Telefonkonzern Russlands und der GUS-Staaten zahlt heute schon hohe Dividenden. Für er- tragsorientierte Anleger interessant ist auch Norilsk Nickel (US46626D1081): Der weltweit grösste Nickel- und Palladium-Hersteller schüttet in den nächsten Jahren zweistellige Dividenden- renditen aus.

Riesige Öl- und Gasreserven

Wachstumsorientierte Anleger sollten hingegen ein Auge auf die Sberbank (US80585Y3080) werfen. Die grösste russische Bank wächst stark, ist aber nur mit 6er-KGV be- wertet. Attraktiv ist auch Rosneft (US67812M2070). Der Konzern hat riesige Öl- und Gasreserven, und die TNK-BP-Übernahme sowie Kooperationen mit Exxon, Statoil und ENI sind viel- versprechend. Wer breit diversifiziert auf Russland setzen will, wählt den in der Schweiz in Franken kotierten Comstage-ETF «MSCI Russia 30 Prozent Capped» (LU0392495536).

Aber egal, ob ETF oder Einzelaktien: Die Strategie für Russland ist wegen der niedrigen Bewertung des Aktienmarkts dieselbe – kaufen und warten, bis Re- formen kommen. Ein russischer Pass ist dafür nicht nötig.