Ein Jahr nach der Räumung des berüchtigten Flüchtlingslagers in Calais wollen die Behörden ein neues Elendscamp verhindern. Doch noch immer ist die nordfranzösische Stadt ein Sammelpunkt für Migranten, die nach Grossbritannien wollen. Auf die Frage, wo sie schlafen, deutet die Gruppe Äthiopier auf eine Baumgruppe. Es ist ein warmer Herbsttag, und auf dem Brachland in einem Industriegebiet nahe dem Hafen von Calais haben sich etwa 150 bis 200 Menschen versammelt.

Manche nutzen die kargen Sanitäreinrichtungen, ein hart erkämpftes Zugeständnis des französischen Staates: Wasserhähne unter freiem Himmel, Toiletten- und Duschkabinen. Freiwillige einer Hilfsorganisation verteilen Essen.

«Frieden und ein gutes Leben»

Am Dienstag ist es genau ein Jahr her, dass Frankreich in einer generalstabsmässigen Aktion den berüchtigten «Dschungel von Calais» räumte, das slumartige Flüchtlingscamp, in dem Tausende Migranten hausten.

Seitdem tun die Behörden alles, um die Entstehung neuer Elendslager zu verhindern. Trotzdem sind wieder Hunderte Flüchtlinge in der Stadt am Ärmelkanal - angetrieben von der Hoffnung, irgendwie eine Lücke in den Sicherheitsvorkehrungen zu finden und auf einen Lastwagen nach Grossbritannien zu kommen.

«Wir wollen nur Frieden und ein gutes Leben», sagt Said auf Englisch. Der junge Afghane, der wie viele andere hier nicht fotografiert werden will, ist nach eigenen Angaben 16 Jahre alt. Er erzählt, dass er aus einer wohlhabenden Familie stamme, aber wegen der Taliban seine Heimat habe verlassen müssen. In Deutschland sei ihm gesagt worden, er müsse zurück nach Afghanistan - nun will er irgendwie nach England. «Aber (...) es ist nicht möglich, da ist viel Polizei

Noch 500 bis 700 Migranten in Calais

Präfekt Fabien Sudry zeichnet kurz vor dem Jahrestag eine positive Bilanz: Der «Migrationsdruck» in Calais habe abgenommen, sagte der Beamte der Regionalzeitung «La Voix du Nord». Im Dschungel hausten zeitweise 8000 Migranten. Heute halten sich deutlich weniger rund um Calais auf: etwa 500, schätzt der Staat, 700 die Hilfsorganisationen.

Die Migranten schlafen meist im Freien - Behelfsunterkünfte lässt die Polizei nicht zu. «Die Priorität der Regierung bleibt der Kampf gegen die wilden Lagerplätze, die überhaupt nicht die Würde der Personen garantieren», erklärte Innenminister Gérard Collomb kürzlich.

Polizei macht Lebensbedingungen möglichst hart

«Die Polizei hat nur zwei Ziele», sagt Loan Torendel, Mitarbeiter der Hilfsorganisation L'Auberge des Migrants. «Erstens: Die Leute zu stoppen, die versuchen, über die Grenze zu kommen. Zweitens: Die Lebensbedingungen in Calais sehr hart zu machen.»

Er erzählt, dass die Beamten Schlafsäcke wegnähmen, Tränengas einsetzten und Migranten nachts aufweckten. Ähnliche Klagen von Migranten hatte auch die Organisation Human Rights Watch vor einigen Monaten aufgegriffen - die Behörden wiesen die Anschuldigungen damals zurück.

Erst nachdem das oberste Verwaltungsgericht den Staat dazu verdonnert hatte, wurden im Sommer die Wasserstellen und Toiletten eingerichtet. Gerade erst haben UNO-Menschenrechtsexperten die französische Regierung ermahnt, dauerhafte Lösungen für den Zugang zu Sanitäreinrichtungen zu schaffen: «Menschenrechte gelten für alle, einschliesslich Migranten - unabhängig von ihrem Status.»

Räumung als «Erleichterung»

Die Bürgermeisterin von Calais hat einen anderen Blick auf die Situation. Die Räumung sei «eine Erleichterung für die ganze Bevölkerung» gewesen, sagt die Konservative Natacha Bouchart. Trotzdem sei man «in ständigem Alarmzustand».

Ihr Büro hat ein dickes Dossier erstellt mit Beschwerden von Bürgern aus den vergangenen Wochen: Sie klagen über Migranten, die sich in der Öffentlichkeit an einem Kanal gewaschen hätten, über Schäden an Autos oder dass Gemüse aus dem Garten gepflückt werde. Im Juni starb der Fahrer eines Kleintransporters bei einem Unfall, nachdem Flüchtlinge eine Autobahn mit Baumstämmen blockiert hatten.

Macron muss ein Versprechen einlösen

«Die Regierung kann nicht tolerieren, dass man auf ihrem Staatsgebiet ständig die öffentliche Ordnung stört, weil man jede Hilfe zurückweist, die Frankreich anbietet», meint Bouchart. Zweimal pro Woche fahren Busse in Aufnahmezentren - doch die meisten nutzen das Angebot nicht. «Sie sind nicht die Antwort auf die Situation in Calais», meint Loan Torendel. «Den Leuten hier geht es nicht darum, Asyl in Frankreich zu finden.»

Im grossen Lagerhaus seiner Hilfsorganisation wird derzeit eine neue Küche eingebaut. «Die alte war zu klein.» Er macht sich Sorgen, was passiert, wenn im Winter die Temperaturen fallen.

Die Situation könnte auch politisch wieder an Brisanz gewinnen - denn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte im Sommer versprochen, dass bis Ende des Jahres kein Migrant in Frankreich mehr auf der Strasse leben soll.

(sda/gku/ise)

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