Micheline Calmy-Rey hat am Montagabend in Genf eine Torte ins Gesicht geklatscht bekommen. Vom Angriff auf die frühere Bundesrätin und ehemalige Genfer Finanzdirektorin kursiert im Internet ein Video. Darauf ist zu sehen, wie die frühere Bundespräsidentin auf der Strasse von einem Mann angesprochen wird.

Dieser behauptet, er heisse Eric Dougoud und sei ein ehemaliger Kunde der Genfer Kantonalbank (BCGE). Er sagt, Calmy-Rey habe im Zusammenhang mit der Affäre um die BCGE mehrere Artikel der Europäischen Menschenrechtskonvention verletzt.

«Ich, ich habe überhaupt nichts verletzt», entgegnet die alt Bundesrätin. Als Antwort holt der Angreifer eine Schwarzwälder-Torte aus der Tasche und schmiert sie Calmy-Rey mit voller Wucht ins Gesicht. Dadurch gerät die ehemalige Bundesrätin ins Taumeln.

Der Angreifer trägt bei der Attacke eine Jacke, auf deren Rückseite die Adresse der Internetseite bandedecopainsgenevois.ch geschrieben steht. Diese Webseite beschäftigt sich kritisch mit dem Debakel um die Genfer Kantonalbank, die im Jahr 2000 vom Staat gerettet werden musste. Zu dieser Zeit amtierte Calmy-Rey als Finanzministerin des Kantons Genf und sass im Verwaltungsrat der BCGE.

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Calmy-Rey verzichtet auf Anzeige

Der Angreifer kommt wohl ungeschoren davon. Calmy-Rey hätte zwar die Möglichkeit, den Mann bei der Genfer Staatsanwaltschaft oder der Polizei einzuklagen. Obwohl sie mit der Faust am Auge getroffen wurde, will sie die Sache aber auf sich beruhen lassen.

Sie habe ihren Mantel am Dienstagmorgen in die Reinigung gebracht, und damit sei für sie die Sache erledigt, sagte Calmy-Rey im Schweizer Radio DRS. «Der Mann wollte gar nicht mit mir reden, ich war bereit, mit ihm zu diskutieren. Aber er wollte mich nur angreifen», sagte Calmy-Rey.

Die Aggression sei inakzeptabel, sagte Bundesratssprecher André Simonazzi im Radio-Beitrag. Calmy-Rey könnte auch nach ihrem Rücktritt noch Polizeischutz in Anspruch nehmen. Dies will sie jedoch nicht. Sie wolle sich frei bewegen, betonte sie.

«Das ist ein feiger, niederträchtiger und würdeloser Akt», sagte der Präsident der Genfer SP, René Longet. Es sei total unfair, eine Person, die einem freundlich zuhöre, derart zu überrumpeln. Man könne durchaus nicht einverstanden sein mit den Urteilen in der Genfer Kantonalbank-Affäre, in der Demokratie gebe es aber andere Mittel, seine Meinung zu äussern.

(tno/sda)