1. Home
  2. Politik
  3. «Chancen für ein schottisches Votum stehen 50 zu 50»

Entscheid
«Chancen für ein schottisches Votum stehen 50 zu 50»

Schotten: 2014 entschieden sie sich gegen die Unabhängigkeit. Keystone

Wird Schottland nach dem Brexit unabhängig und bleibt in der EU? Ein schottischer Ökonom liefert Antworten zum möglichen Votum – etwa, wieso für Schotten die Personenfreizügigkeit kein Problem ist.

Von Marc Bürgi
am 01.07.2016

Der Brexit-Entscheid war ein Wendepunkt in der Geschichte der Europäischen Union: Erstmals will ein Mitglied die Union verlassen. Nun sind die Briten aber mit einem ähnlichen Problem konfrontiert: Denn Schottland liebäugelt wieder mit einem Austritt aus dem Königreich – es könnte zu einer zweiten Abstimmung über die Unabhängigkeit kommen.

Denn im Gegensatz zu England stimmten die Schotten gegen den EU-Austritt. Dieses klare Bekenntnis zur EU liefert der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon ein Argument, erneut ein Votum zu wagen. Noch hat sich die populäre Politikerin nicht festgelegt. Der schottische Ökonom John McLaren erklärt gegenüber handelszeitung.ch die Ausgangslage für das mögliche zweite Referendum.

Was würde die Unabhängigkeit für Schottlands Wirtschaft bedeuten?
John McLaren*: Das ist schwierig zu sagen. Eine Abspaltung wäre wohl nachteilig, in erster Linie wegen des Handels. Schottlands grösster Handelspartner ist Grossbritannien. Nach einer Unabhängigkeit würde der Zugang zu diesem Markt wahrscheinlich eingeschränkt. Wie stark, würde von den politischen Verhandlungen abhängen.

Schottland hat sich erst kürzlich gegen die Unabhängigkeit entschieden. Was hat sich seither wirtschaftlich verändert?
Zwei Dinge sind nun anders: 2014 hatte Schottland noch ziemlich grosse Einkünfte aus dem Nordseeöl. Vor einigen Jahren betrugen diese Steuererträge noch fast 10 Milliarden Pfund – jetzt sind sie auf Null geschrumpft. Bei der letzten Abstimmung wollte die Schottische Nationalpartei SNP zudem das Pfund behalten. Jetzt wo Grossbritannien die EU verlässt, lässt sich schwer argumentieren, dass Schottland am Pfund festhalten sollte.

Wie wichtig wären wirtschaftliche Argumente bei einer zweiten Abstimmung?
Sie sollten wichtig sein. Aber in der letzten Abstimmung 2014 und beim Brexit waren die wirtschaftlichen Argumente nicht entscheidend. Beide Male warnten Ökonomen und Denkfabriken eindringlich vor den negativen Folgen für die Wirtschaft. Bei einer  Mehrheit der Wähler kam diese Botschaft nicht an. Sie sagten: «Wir glauben eurer Schwarzmalerei nicht, deshalb werden wir sie ignorieren.» Wenn sich das wieder so abspielen würde, wäre es möglich, dass die Schotten für die Unabhängigkeit stimmen.

Würde die Wirtschaft dieses Mal im Wahlkampf  also keine Rolle spielen?
Die Austrittsgegner würden wahrscheinlich mit der Wirtschaft argumentieren. Die Befürworter der Unabhängigkeit würden hingegen wohl politische Gründe ins Felde führen.

Die beiden Lager würden sich also auf ein jeweils anderes Thema konzentrieren?
Ja, so wie bei der Brexit-Kampagne die Befürworter über die Einwanderung sprachen, während die Austrittsgegner mit der Wirtschaft argumentierten.

Ist die Einwanderung denn kein Thema in Schottland? Als EU-Mitglied müsste Schottland ja die Personenfreizügigkeit akzeptieren.
Nein, es ist kein grosses Thema. Das soll nicht heissen, dass Schottland ein unglaublich tolerantes Land ist. Es gibt auch hier Spannungen mit Ausländern. Aber sämtliche grosse Parteien sind Pro-Einwanderung. Es gibt keine Partei für Leute, welche Einwanderung ablehnen. Überdies gibt es nicht viele Immigranten in Schottland, die meisten gehen nach England.

Werden die Schotten noch einmal über die Unabhängigkeit abstimmen?
Aus meiner Sicht stehen die Chancen 50 zu 50. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon will absolut sicher sein, dass sie ein solches Referendum gewinnt. Wenn du ein zweites Referendum verlierst, ist es schwierig, ein drittes abzuhalten. Das zeigt das Beispiel Québec: Dort ist das Thema verschwunden. Die schottische Regierung wird die Meinungsumfragen in den nächsten Monaten genau beobachten. Im Moment ist alles im Fluss.

*John McLaren ist Professor an der Business School der Universität von Glasgow. Der Ökonom ist Mitglied der Denkfabrik Fiscal Affairs Scotland und tritt regelmässig in britischen Medien als Wirtschaftsexperte auf. In einem aktuellen Positionspapier hat er die Ausgangslage für ein schottisches Referendum aus wirtschaftlicher Sicht analysiert.

Anzeige