«Enfant terrible» und Nestbeschmutzer, scharfsinniger Kritiker von Banken, mulitnationalen Konzernen und Kapitalismus, Marxist, unermüdlicher Kämpfer gegen den Hunger... Der Genfer Soziologe Jean Ziegler wurde schon mit vielen Etiketten versehen. Kalt liess der streitbare Geist weder Freund noch Feind. Am Samstag wird er 80 Jahre alt.

In der Schweiz versuchte man jahrelang, Zieglers scharfe Zunge mit medialen und juristischen Mitteln zum Schweigen zu bringen, im Ausland wurde der Wahlgenfer oft gefeiert.

Ins Scheinwerferlicht trat Ziegler 1976 mit seinem Buch «Die Schweiz, über jeden Verdacht erhaben». Er kritisierte darin die Profite von Schweizer Unternehmen auf Kosten der Ärmsten, das Bankgeheimnis und die Verzahnung von Politik und Wirtschaft in seiner Heimat. Das Buch schlug ein wie eine Bombe.

In der Schweiz sollte Zieglers Kritik mit allen Mitteln unterdrückt werden, denn Ziegler pulverisierte verschiedene, scheinbar in Stein gemeisselte Wahrheiten.

Frontalangriff auf Finanzplatz

Dass er zu Hause zum Verräter gestempelt wurde, hinderte ihn nicht daran, gegen den «Raubtier-Kapitalismus» nachzulegen: 1990 erschien seine Attacke gegen den Finanzplatz, «Die Schweiz wäscht weisser».

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Das Buch, ein Verkaufsschlager, löste einen Skandal aus. Ziegler wurde zum Hassobjekt der Wirtschaftselite und von bürgerlichen Politikern.

Ziegler wurde mehrfach verklagt, unter anderem vom Bankier Edmond Safra, vom Geschäftsmann Nessim Gaon und von Anwalt Hans W. Kopp, Ehemann der 1989 zurückgetretenen Bundesrätin Elisabeth Kopp.

Ziegler sass damals für die SP im Nationalrat. Doch die Bundesversammlung hob 1991 seine parlamentarische Immunität auf. Ziegler verlor darauf verschiedene Prozesse. Man warf im Ungenauigkeiten und Fehler vor und verurteilte ihn zu hohen Entschädigungszahlungen. Gewisse Passagen musste er aus «Die Schweiz wäscht weisser» streichen.

Insgesamt schrieb er rund 20 Bücher. Sein 2008 erschienenes Werk «Der Hass auf den Westen» wurde mit dem Literaturpreis für Menschenrechte geehrt.

Kampf gegen den Hunger

Zuletzt erschien 2010 «Wir lassen sie verhungern: Die Massenvernichtung in der Dritten Welt». Zieglers furiose Anklage gegen den von Menschen gemachten Hunger, der vom Menschen, wenn er es denn wollte, besiegt werden könnte, wurde zum Bestseller. Das Buch ist eine Anklage gegen das Hinnehmen und Begünstigen des Massensterbens durch die Politik, internationale Organisationen, die Industrie und durch die westlichen Demokratien.

In dem Buch verarbeitete Ziegler auch die Erfahrungen, die er als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung gemacht hatte. Er hatte dieses Amt von 2000 bis 2008 inne. Gewählt wurde er vom UNO-Menschenrechtsrat auf Vorschlag des Eidg. Departements für auswärtige Angelegenheiten.

Das «Enfant Terrible» der Schweiz wurde so zu einem Aushängeschild für die Schweizer Aussenpolitik. Dies ging innerhalb und ausserhalb des Landes nicht ohne Murren über die Bühne.

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Ziegles Weg dorthin war lange: Geboren wurde er am 19. April 1934 als Hans Ziegler in Thun als Sohn einer konservativen, protestantischen Familie. Nach der Matura zog es ihn nach Paris zum Jurastudium. Dort kam er mit Marxisten in Kontakt und verkehrte mit Persönlichkeiten wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Es soll de Beauvoir gewesen sein, die Hans riet, sich Jean zu nennen.

Treffen mit Che

Mit 30 Jahren traf er Che Guevara. Ziegler war dessen Chauffeur während der Teilnahme Kubas an der ersten UNO-Weltzuckerkonferenz in Genf. Guevara riet Ziegler, in der Schweiz zu bleiben, um das «Monster» zu bekämpfen. In den Augen des argentinischen Revolutionärs war Ziegler dort nützlicher als an der Front.

Ziegler hatte zuvor Anfang der 1960er Jahre zwei Jahre für die UNO im Kongo gearbeitet. Diese Erfahrung veränderte den bis dahin überzeugten Anti-Kommunisten. Aus dem deutsch sprechenden Prostestanten Hans wurde schliesslich der französisch sprechende Katholik Jean.

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1977 wurde Ziegler, der in der inzwischen auf Soziologie umgesattelt hatte, von der Uni Genf zum Professor berufen. Der Uni blieb er bis zu seiner Emeritierung 2002 treu. Auch war er Gastprofessor an der Sorbonne in Paris.

In seiner Karriere kam Ziegler mit den Mächtigen der Welt zusammen, auch mit heute verfemten. 2012 wurde als Gastredner von den Salzburger Festspielen wieder ausgeladen - wegen seiner angeblichen Nähe zum 2011 gestürzten libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi. Kritiker und Ziegler selbst sehen dahinter das Werk der Sponsoren der Festspiele. Diese sehen aus wie das «Who's Who» jener, die Ziegler stets bekämpft hatte: Nestlé, Credit Suisse oder die Deutsche Bank.

(sda/tke)